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Über: Betyie


Überzeugungen zur Internationalen Adoption, Ziele einer Reform:

1. Als zweite Mutter von international adoptierten Kindern bin ich der Überzeugung, dass internationale Adoption grundsätzlich eine geeignete Möglichkeit sein kann, elternlosen Kindern, für die im Herkunftsland nicht die  Alternativen einer familiennahen Betreuung besteht, das Aufwachsen in einer liebevollen Familie zu ermöglichen.

2. Adoption, insbesondere internationale Adoption, kommt allerdings nur als letzte Möglichkeit („last resort“) der Versorgung von elternlosen Kindern in Frage, und dann, wenn alle anderen Maßnahmen zur Familienerhaltung ausgeschöpft wurden.

Nach der UN-Konvention zur Wahrung der Rechte von Kindern (UNCRC, Artikel 20 und 21) hat jedes Kind nämlich  zuerst das Recht, bei seiner leiblichen Familie aufzuwachsen; die Gemeinschaft und der Staat sind verpflichtet, dafür die nötigen Voraussetzungen zu schaffen und im Krisenfall der Familie besonderen Beistand zu gewähren. Erst wenn diese Maßnahmen nicht greifen, kommt eine Adoption in Betracht.

3. Sowohl die Gemeinschaft, in der das Kind lebt, als auch die, in welche das Kind aufgenommen werden soll, sind zuerst den Rechten und Belangen des Kindes verpflichtet.

Eine Adoption ist weder primär eine alternative nichtbiologische Art der Familiengründung für ungewollt kinderlose Erwachsene, noch eine alternative Lebens-und Ausbildungsversicherung für eine zurückgebliebene biologische Familie. Sie ist vielmehr eine Maßnahme, die  in die Grundrechte des Kindes auf Identität, Familie und Kultur so tief eingreift, dass jede mögliche präventive und nachträgliche Kontrolle der Rechtmäßigkeit des Adoptionsverfahrens wahrgenommen werden muss.

Die Belange und Rechte des Kindes zu wahren beinhaltet, dass alle Angaben in den Akten des Kindes bezüglich seiner Herkunft und Abstammung sorgfältig überprüft und wahrheitsgemäß dokumentiert wurden, dass die aufnehmenden Eltern hinsichtlich ihrer besonderen Eignung und Belastbarkeit intensiv von Sozialarbeitern und Psychologen überprüft werden und dass eine umfassende nachsorgende Betreuung und Beratung der Adoptivfamilie durch fachlich kompetente Stellen gewährleistet ist.

4. In der Praxis entsprechen  die Gegebenheiten in Deutschland gegenwärtig nicht in jeder Hinsicht den Anforderungen, die damit verbunden sind:

Häufig werden Adoptionen durch private Vermittlungsstellen durchgeführt, die von den Landesjugendämtern – in einer ungünstigen Dopplung von Funktionen-  sowohl zugelassen als auch überwacht werden. Da diese Stellen eine bestimmte Anzahl von Mitarbeitern beschäftigen müssen, können sie nicht unabhängig von finanziellen Gewinnerwägungen operieren. Häufig bestehen Abhängigkeiten von  Kooperationspartnern im Ausland, deren Praktiken sie nicht vollständig überblicken können. Da die Gebühren, welche im Verlauf einer Adoption fällig werden, nicht im Einzelnen aufgeschlüsselt werden müssen und weil die Bilanzen der Vermittlungsstellen nicht in aller Selbstverständlichkeit öffentlich gemacht werden müssen, haftet ihrer Arbeit häufig der Geruch des Profitstrebens an. Da sie privatrechtlich organisiert sind, haben sie eine große Gestaltungsfreiheit bei der Annahme der Bewerber und der Vertragsgestaltung; da sie ihre Arbeit bei Zweifeln am Bestehen eines tragfähigen Vertrauensverhältnisses jederzeit beenden können, wird eine kritische und selbstbewußte Haltung von Adoptionsbewerbern nicht gefördert.

5. Die Vorbereitung von künftigen Adoptiveltern und die Nachbetreuung von Familien ist nicht zureichend, um Eltern in die Lage zu versetzen, den Anforderungen gerecht zu werden, welche die oftmals schwer traumatisierten und verletzten Kinder stellen können.

6. Allgemein wird noch immer viel zu häufig der Meinung Vorschub geleistet, eine Adoptivfamilie sei eine “ ganz normale Familie wie jede andere auch“.

Diese, vermutlich aus einem Schutzbedürfnis den Kindern gegenüber entstehende Haltung, welche Diskriminierung verhindern helfen soll, schadet dagegen häufig langfristig den adoptierten Kindern bei ihrer Identitätsfindung, da sie ihre besonderen Persönlichkeitsrechte nicht angemessen berücksichtigt.

Diese Rechte von adoptierten Kindern und Jugendlichen und ihren Herkunftsfamilien erachte ich als selbstverständlich und möchte sie deshalb befördert und  implementiert sehen:

a. Jedes Kind hat ein ungeteiltes Recht auf die ungeteilte Kenntnis seiner Herkunft und auf den Umgang mit allem, was zu ihr gehört.

b. Jede Herkunftsmutter hat das ungeteilte Recht auf Informationen über die Entwicklung ihres Kindes.

c. Jedes Kind hat das ungeteilte Recht darauf, dass seine Herkunftsfamilie und das Land seiner Herkunft in seiner neuen Familie mit Respekt und Freundlichkeit betrachtet wird. Das hat nichts mit Ethnozentriertheit oder Verwurzelungsideologie zu tun, sondern mit der schlichten Tatsache, dass die Herkunft ein Teil des Kindes ist.

d. Kinder sind, auch wenn sie als Säuglinge in eine Familie adoptiert werden, keine “unbeschriebenen Blätter”. Sie haben einen Verlust erlitten, bevor sie in ihrer derzeitigen Familie mit Liebe aufgenommen wurden; diesen Verlust zu leugnen oder in seiner Bedeutung zu beurteilen hat niemand, außer das betroffene Kind selbst, das Recht.

Im Lauf der Zeit haben sich die Interessensschwerpunkte beim Lesen und Schreiben für dieses blog – parallel zu  den Lebensumständen der Kinder –  immer wieder verändert. Derzeit beschäftige ich mich vornehmlich mit der Frage nach einem guten Umgang mit Konsequenzen von offenem und latentem Rassismus und mit geeignteten Hilfen, die Probleme eines bikulturellen Familienlebens zu meistern.

Die  aktuelle wirtschaftlichen Situation in Äthiopiens bietet unendlich viel Anlass zur Sorge; wer Freunde oder Familie in Äthiopien hat kann sich nur  wundern, wie sie derzeit überleben. Hierzu gibt es ebenfalls immer wieder Beiträge.

CAVEAT: Jeder Leser wird sicher Kontroverses finden, Aufreger vielleicht sogar – aber immerhin eine dezidiert formulierte Position. Rückmeldung ist ebenso erwünscht, wie andere Positionen willkommen.

Zu diesem blog gehört ein zweites, eines zu ethischen Fragen der Vermittlung und Adoption von Kindern aus Äthiopien, das derzeit noch zugänglich ist, aber nicht mehr regelmäíg aktualisiert wird.

http://adanechsblog.wordpress.com/

An dieser Stelle findet sich sowohl eine ausführliche Bibliographie und Linksammlung als auch Darstellungen von und Kommentare zu den Umständen von internationalen Adoptionen aus Äthiopien.

Zu diesem blog gehört daneben ein englischsprachiges, welches hauptsächlich für den Austausch von den unterschiedlichsten Positionen zur internationalen Adoption bestimmt war und über eine relativ weite Zeitspanne hin einen Überblick über aktuelle und grunsätzliche Diskussionen gegeben hat:

http://readerinternationaladoption.wordpress.com/

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