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Schulblues: „Bloß keine Hauptschüler“

Juli 23, 2018

Es gibt genug Gründe, weshalb das Projekt „Gemeinschaftsschule/ Gesamtschule“ in der Praxis leider nicht wirklich gut funktioniert. Organisatorische, politische, finanzielle …. derzeit aber steht für mich im Alltag vor allem der Faktor Mensch im Vordergrund.

Es besteht die gängige Praxis, Gymnasiallehrer mit an Gymnasien nicht gebrauchten, gefühlt „überflüssigen Fächern“ in Gemeinschaftsschulen anzustellen, unter der offiziellen Bedingung, dort über einen bestimmten Zeitraum zu unterrichten, um sich anschließend wieder am Gymnasium zu bewerben. Ich glaube, derzeit beträgt dieser Zeitraum fünf oder drei Jahre. Wer sich darauf einlässt, lässt sich entweder tatsächlich ein oder aber er/sie hofft, dass die Zeit schnell vorübergeht – eine echte Wahl gibt es für Bewerber angesichts des Überhangs in bestimmten Fächern jedoch nicht, außer man sucht sich eine Arbeit außerhalb des Schuldienstes. Das ist bitter, denn inoffiziell lautet die Devise: „Einmal Gemeinschaftsschule, immer Gemeinschaftsschule“, wie mir mehrere an  Bewerbungsverfahren beteiligte Menschen unabhängig voneinander berichtet haben (eine  durch und durch politische Botschaft, durch die Blume formuliert von Verantwortlichen). Es wirkt demnach so, als verderbe man sich alle „höheren“ Karriereaussichten, wenn man sich – sei es aus Not, sei es aus Überzeugung, sei es aus Pragmatismus – für eine Anstellung in dieser Schulart entscheidet.

Manche nicht von sich aus vom Konzept Gemeinschaftsschule überzeugten Kollegen schaffen es bald gut, sich zu arrangieren. Andere, die -egal wo- gerne Lehrer sind, machen ihre Arbeit nach kurzer Einarbeitung gerne und engagiert und entdecken Vorteile für sich. Und dann gibt es die Gruppe, die sich nicht schämt, öffentlich zu lamentieren, wenn ihnen angetragen wird, an einer ehemaligen Hauptschule, die zur Gemeinschaftsschule wurde, eine Schülergruppe auf dem Niveau der Hauptschule zu unterrichten.

Bei allem Verständnis für die Unfreiwilligkeit der Entscheidung für diese Schulart: Man kann sich vorstellen, was das für eine Schule heißt: entweder leiden die Schüler oder die Kollegen unter einem solchen Habitus. Jemand, der nicht zögert vor Erwachsenen öffentlich seine Abneigung gegen Unterricht mit Hauptschülern kundzutun, wird es vermutlich nicht schaffen, diese Abneigung dauerhaft vor den Kindern zu verbergen. Aber deshalb Kollegen, die aus bestimmten Gründen geeignet wären, eine Gruppe auf Realschulniveau zu unterrichten, davon auszuschließen, weil andere auf ihrem Vorrecht qua Studienabschluss beharren – schadet den Kollegien und letztlich dann doch wieder auf andere Weise wieder den Schülern, die möglicherweise aus formalen Erwägungen nicht die pädagogisch am besten geeignete Versorgung erhalten. Die Zielsetzung der Gemeinschaftsschulen – Selektion zu vermeiden und so weit als irgend möglich integrativ zu arbeiten – lässt sich so sicher nicht erreichen.

Egal, ob ich eine so geartete Konstellation vorrangig unter politischen oder unter persönlichen Aspekten betrachten will – egal, wo die Verantwortung letztlich liegt: So geht es einfach nicht.

Mir fehlt auch nur ein Mindestmaß an Verständnis dafür, dass sich der Selektionsansatz  – in derartigem Sich- positionieren von Kollegen – durch die Hintertür  in eine Schulart einschleicht, die gerade dazu geschaffen wurde, ihm eine bessere Lösung entgegenzusetzen. Und ich empöre mich aus ganz und gar grundsätzlichen Erwägungen heraus – wobei ich nicht verschweigen will, dass mich -als Mutter eines Hauptschülers – emotional solche Äußerungen außerordentlich mitnehmen und tatsächlich verletzen.

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