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Resilienz. Überlegungen zu einem Begriff aus der „Adoptionswelt“

Oktober 4, 2015

Resilienz bezeichnet das Vermögen vor allem von Kindern, widrigen Erfahrungen eine Art Grundgesundheit entgegenzusetzen, die es ihnen erlaubt, traumatische Erlebnisse so weit von sich fern zu halten, dass sie scheinbar unbeschadet an Leib und Seele eine normale Entwicklung nehmen können – überraschend für denjenigen Betrachter, der aufgrund des Wissens um die Umstände Zeichen von Beschädigung, wie Verhaltensauffälligkeiten oder Depression, erwarten würde.

Der Standarddefinition nach ist sie eine psychische Widerstandsfähigkeit [oder] die Fähigkeit, Krisen zu bewältigen und durch Rückgriff auf persönliche und sozial vermittelte Ressourcen als Anlass für Entwicklungen zu nutzen.

In der Adoptionslandschaft wird der Begriff häufig in einem ganz bestimmten Zusammenhang bemüht: Wenn es um die Frage besorgter (künftiger) Adoptiveltern geht, ob man denn grundsätzlich von adoptierten Kindern erwarten könne, dass sie sich „genau wie biologische“ Kinder „ganz normal“ entwickeln. Die häufig erwartete, erwünschte (und insofern politisch korrekte) Antwort lautet dann meist, die meisten Kinder seien resilient; sie seien fröhlich und gesund und man brauche insofern nicht mit Auffälligkeiten in der Entwicklung zu rechnen, (manchmal mit dem Zusatz: jedenfalls nicht bei etwa 30-60%).

Nun steckt schon in der Standarddefinition des Begriffs die Beobachtung, persönliche und sozial vermittelte Ressourcen seien erforderlich, um Krisen nutzen zu können. Fehlt also der persönliche oder soziale Bindungskontext in einer Biographie, müsste sie sich quasi von alleine ins Kind vermittelt haben. Wunder geschehen bekanntermaßen, das will ich keinesfalls dementieren … Desweiteren sind Krisen und Traumata durchaus voneinander zu unterscheiden; in den meisten Fällen würde man das Geschehen einer transkulturellen Adoption wohl eher weniger als krisenhaft einordnen wollen, sondern als durchaus traumatisch. Während es sich nämlich bei einer Krise um eine Situation handelt, die man bewältigen kann, fehlt das Gefühl, Einfluss nehmen zu können, im Erfahrungshintergrund von Kindern, die ihre Heimat und sozialen Bezüge von einem auf den anderen Tag verlassen und mit fremden Menschen andernorts ganz neu anfangen.

Aus alledem folgt, dass ich den Gebrauch des Resilienzbegriffs in einem derartigen Diskurs für sehr schwierig halte.

Ich halte ihn bei jungen Kindern für problematisch, weil er dazu dienen kann, eine nach außen gezeigte Fröhlichkeit und Angepasstheit als Beweis ihrer Resilienz zu deuten (während gleichzeitig ungewöhnliche Verhaltensweisen als alterstypische Entwicklungsprobleme verstanden werden). Der Blick auf besondere Bedürfnislagen der Kinder geht dabei leicht verloren.

Bei älteren Kindern erscheint mir die Annahme von Resilienz schwierig, wenn es darum geht, an ein spät adoptiertes Kind die gleichen Erwartungen zu formulieren wie an ein sicher gebundenes leibliches. In der letzten Zeit bin ich Menschen begegnet, die mir nahe legen wollten, „die Eingewöhnung“ der Kinder müsse ja irgendwann abgeschlossen sein – sie hätten sich bitte zu verhalten wie jeder andere Jugendliche ihres Alters. Neben meiner persönlichen Meinung (hierbei könne es sich eigentlich nur um einen Ausdruck mangelnder Empathie handeln), wäre der Sache nach folgendes anzumerken:

Es kann sich beim „Erziehungsauftrag“ von Adoptiveltern und Menschen, die mit dem Umgang mit Adoptierten beruflich betraut sind, eigentlich nur darum handeln, ihnen Mittel und Wege zu zeigen, wie sie sich in vielen, vielen sehr kleinen Situationen als selbstwirksam und als bewältigend erleben können. Nur mit sehr viel Geduld und schier unendlicher Wiederholung wird sich die Erinnerung daran festsetzen können, wie es sich anfühlt, sich selbst zu regulieren, wenn die Stimmungen schwanken, wenn Verhaltensweisen sich zeigen, die man an sich selbst missbilligt – und schließlich, selbst ein Problem zu lösen, das zuerst unüberwindlich erscheint-. Das Grundvertrauen in die Bindung und die Ebenbildlichkeit, die Eltern und Kindern in biologischen Familien solche Schritte ermöglichen, wird in Adoptivfamilien oft ersetzt werden müssen: Durch Erzählungen über die Geschichte der Adoption, die immer wieder vermittelte Bewunderung dafür, was die Kinder bereits erreicht haben und lernen konnten, durch eine glaubhafte und nachvollziehbare Geschichte der abgebenden Familie und die Möglichkeit sie zu überprüfen – und durch die Anerkennung der Tatsache, dass die Kinder jedes Recht der Welt haben, in ihrem eigenen Tempo ihre Entwicklungsschritte zu machen. Mit anderen Worten: Die Anerkenntnis der besonderen Lebensgeschichte allein gibt Mittel an die Hand, das Ziel der Resilienz irgendwann einmal zu erreichen. Mit jeder Geschichte, die über die erstaunlichen Schritte in der ersten Zeit der Ankunft in der neuen Familie erzählt wird, fügen sich soziale Ressourcen in das Erleben der Kinder mit ein; mit jeder Anerkenntnis der Schwierigkeit, hier in den gängigen Systemen zu funktionieren, entwickeln sich die persönlichen Bindungsmomente, die für das Kind irgendwann persönliche Ressourcen formen können.

Wenn es einem adoptierten Jugendlichen gelingt, in einer subjektiv schwierigen Situation auszuhalten und nicht zu weichen, obwohl seine Meinung keinen bequemen Weg eröffnet, dann ist der „freeze-flight“ – Modus, den Traumatisierte an den Tag legen – also entweder aus der Situation wegzulaufen oder sie durch Abspalten auszuhalten – sicher überwunden. Eine derartige Standfestigkeit als Entwicklungsaufgabe anzuvisieren gelingt aber nur, wenn die Beziehung die Erlaubnis für das Kind beinhaltet, scheinbare Standardsituationen als schwierig zu erleben.

2 Kommentare leave one →
  1. Oktober 5, 2015 9:15 am

    Ein wunderbarer klarer und prägnanter Beitrag, der für mich so deutlich macht, warum ich immer bei dem Thema Resilienz ein nicht-definierbares Störgefühl hatte. Dein Beitrag bringt für mich auf den Punkt, warum wir als Adoptiveltern anders mit unseren Kindern umgehen und sie anders im Leben begleiten müssen. Die Wunden unserer Kinder bleiben ein Leben lang, wir als Eltern können unseren Kindern nur helfen, einen anderen Umgang mit ihnen zu finden….

  2. b. permalink*
    Oktober 5, 2015 2:59 pm

    Dankeschön …. Ich freue mich über deinen Kommentar!

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