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Was heißt „transracial“?

Juni 19, 2015

Der öffentliche Diskurs über das Verhältnis von schwarzen und weißen Amerikanern wurde in den Tagen vor den entsetzlichen Ereignissen in Charleston vom Namen einer einzigen Frau bestimmt: Rachel Dolezal.

Dolezal wurde als Tochter weißer Eltern geboren und wuchs mit schwarzen (Adoptiv)geschwistern auf. Sie verbrachte einen Großteil ihres Lebens in einer selbst gewählten Identität als Afroamerikanerin.

Aus der Distanz lässt sich die Geschichte ungefähr so einordnen, wie es dieser Artikel von Nils Marquardt vom 17. Juni in der „Zeit online“ versucht: Als eine Illustration der Tatsache, dass  „Rasse“ als Konzepte verstanden werden sollte und weniger als Gegebenheit.

Die Frage der race ist historisch somit nicht notwendigerweise an die Hautfarbe geknüpft, sondern eben mitunter auch eine Frage der erzwungenen Performance. Aber auch der freiwilligen Performance.

In diesem Sinne ließe es rechtfertigen, dass Frau Dolezal, als ihre biographische Münchhausengeschichte aufflog, für sich in Anspruch nahm, eine „transracial person“ zu sein, eine Person, die, in Analogie zur Geburt in einer verkehrten Geschlechtsidentität, in einer verkehrten Rasse zur Welt kam und entsprechend ihres Selbstgefühls dann künftig eine neue Identität für sich kreirte.

Diese Erklärung hätte sicherlich für erheblich weniger öffentliches Aufsehen gesorgt, wenn sie im privaten Rahmen verblieben wäre, sich Frau Dolezal also nicht als Aktivistin gegen rassistische Polizeigewalt beruflich engagiert hätte und sich bei ihren Aktivitäten häufig auf kollektive leidvolle Erfahrungen von Menschen „ihrer Rasse“ bezogen hätte. Vor diesem Hintergrund erscheint vielen ihr Tun wie Hohn. Wieder aus der Distanz und etwas differenzierter formuliert:

Wenn man solch ein transracial-Konzept radikal zu Ende denkt, hieße dies ja, dass letztlich jede Form ethnischer Selbstbeschreibung individuell verhandelbar würde. Und dies würde dann, zumindest bis zu einem gewissen Grade, ebenfalls bedeuten, dass letztlich auch jene affirmativen schwarzen Identitätskonzepte, etwa blackness oder négritude, die nicht zuletzt auch als Reaktion auf jahrhundertelange Repression durch Weiße entstanden sind, obsolet würden oder sich zumindest soweit öffnen müssten, dass auch Weiße „I’m proud to be black“ sagen könnten.

Eine weitere, adoptionsspezifische Kritik entzündet sich besonders um den Begriff „transracial“, der in Dolezals Geschichte um eine neue Lesart erweitert wurde. Eigentlich beschränkt sich sein Gebrauch auf die Identität derjenigen Adoptierten, die von Angehörigen einer anderen ethnischen Gruppe  als Kind angenommen und erzogen wurden, und in diesem Sinn hat er für die Identitätskonzepte vieler Adoptierter eine zentrale Rolle angenommen: Er beinhaltet sowohl die Facette des Lebens in als ethnische Minderheit als auch die Unterdrückung der ethnischen Identität bis zur Wurzellosigkeit, sowie die Vielzahl an Diskriminierungserfahrungen, die damit einhergehen, „das einzige Kind mit dunkler Hautfarbe“ in einem weißen Umfeld zu sein. Vor diesem Hintergrund haben sich praktisch alle, die in der Adoptionswelt eine Rolle spielen, zusammengetan und einen sehr deutlichen Brief geschrieben.

Aus der Perspektive eines Außenstehenden, der keinerlei tiefere Beziehungen zur amerikanischen Kultur hätte, müsste das Fehlen von Verständnis für die dortige Diskussion bereits mit dem Konzept „race“ überhaupt beginnen: Für viele Europäer bringt allein der Gebrauch des Begriffs „Rasse“ schon ein diskriminierendes Element mit sich – weil er sich,von außen betrachtet, allein durch die Hautfarbe eines Menschen zu definieren scheint. Kaum jemand würde hierzulande ohne Zögern einen Menschen aufgrund seiner Abstammung als „gemischtrassig“ oder „zweirassig“ bezeichnen wollen. Auch die amerikanischen Bezeichnungen „multiracial“ und „biracial“ kommen für mit einem Beigeschmack daher.

Aber auch das Konzept einer eigenständigen Identitätsproblematik  von „transracial adoptees“ scheint hierzulande kaum entwickelt – wir hören von Einzelfällen, nicht von einer Bewegung von Menschen, die es unternehmen, sich als Gruppe mit typischen paradigmatischen Erfahrungen zu beschreiben.

Wir tun uns schwer. Es ist gerade vor dem Hintergrund der jüngsten furchtbaren Ereignisse, der  rassistisch motivierten Morde an schwarzen Kirchgängern, unbestreitbar nicht einfach, nicht ganz schnell Frau Dolezals Handeln als geschmacklose, opportunistische Hochstapelei und die Diskussion darum als ein Eröffnen von Nebenschauplätzen zur Ablenkung vom eigentlichen Problem – White Privilege – zu betrachten.

Als weiße Mutter von schwarzen Jugendlichen in Deutschland interessiert mich persönlich die Lebensgeschichte von Rachel Dolezal auf eine ganz andere Weise. Einen Umriss dessen finde ich in John Raibles  persönlich sn Dolezal gerichteten offenen Brief:

All of them [weiße Eltern und Geschwister von transracial adoptees], like you, grew up with black (and in some cases, Korean) brothers or sisters. Despite ongoing misunderstanding and community disapproval of their parents’ decision to adopt children of another race, all of them declared their love for their siblings. Some of them struggled, as you have, to verbalize why they felt so totally different from other white people. I was curious to learn what transracial adoption might have done to their emerging identities as young white people, for example, what was it like to be known as “that family of nigger lovers”?

Die Frage, was das Leben als multi-ethnische Familie mit der Identität vieler weißen Familienmitglieder macht, beantwortet (ausgerechnet!) John Raible, ein als „angry adoptee“ bekannter Adoptivvater schwarzer Jungs aus der Gruppe der im blütenweißen Amerika aufgewachsenen „transracial adoptees“, mit dem Konzept „transracialisation“ – welches ein Zerfließen von Grenzen zwischen ethnischen Gruppen beschreibt, so, dass die Sache der schwarzen Geschwister und Kinder aus der Loyalität innerhalb der Familie zu der von weißen Angehörigen wird. Es beinhaltet für ihn also (natürlich) in keiner Weise den Verlust oder das Ablegen der eigenen ethnischen Identität (als weiße Person), sondern die Solidarität mit dem Anderen; aber er nimmt auf einer ganz und gar emotionalen Beschreibungsebene Gründe und Motive Dolezals ernst, die im rationalen und moralischen Bezugsrahmen untergehen.

Der Wunsch, eine andere zu sein und die Geschichte der Menschen teilen zu können, die man am meisten liebt – das ist etwas ganz anderes als Hochstapelei und Anmaßung. Meine persönliche Vermutung ist, dass es genau der unterschwellig spürbare Wunsch ist, der das unglaubliche Interesse an Dolezal und die Vehemenz der Auseinandersetzungen über ihren Fall erklärt.

Jedenfalls könnte dieser Fall, wenn er denn hier überhaupt öffentlich genug wird, anstoßen, dass auch hierviel mehr überlegt wird:

Was macht es mit den weißen Angehörigen, das Leben mit schwarzen Kindern zu teilen, die als Minderheit in einer weißen Gesellschaft leben?

Vor allem aber – und die Besprechung dieser Frage ist die Angelegenheit der Adoptierten, und darüber haben nur sie allein die Beschreibungshoheit – was macht das Leben eines „transracial adoptee“ im weiß geprägten Deutschland aus?

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