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So ein weiter Weg …

März 9, 2015

Nach dem Spaziergang bei Frühlingswetter ein Blick in mein Tagebuch – heute vor fast zehn Jahren:

Mein Sohn, neu in Deutschland und neu in der Familie, fast ohne Sprache noch, voller Bewegungsdrang und unbändiger Energie, gerade vertraut mit den Gefahren befahrener Straßen und schon in der Lage, schneller als jeder andere in der Familie mit dem Fahrrad zu fahren, mit seinem Bruder und mir auf einer kleinen Ausflugsfahrt, um eine ältere Verwandte kennen zu lernen.

Bei gutem Wetter draußen in einem Gartenlokal in der Nähe des Waldes. Fröhliche Kinder – endlich sehen sie voller Hoffnung, nach dem ihnen ganz unbekannten grauen Winter. ein wenig Sonnenschein und erstes Blumengrün zwischen Schneeglöckchen und Krokussen. Es ist ein guter Tag.

Mein Sohn zieht seine Schuhe aus und klettert blitzschnell auf einen jungen Baum. Er bricht kleine trockene Zweige ab und wirft sie hinunter. Ziemlich verständnislos schauen wir ihm zu. Nach kürzester Zeit ist er wieder unten, sammelt die Zweige ein, bricht sie, einen um den anderen, auf eine Länge und bündelt sie schließlich mit einem Stück Schnur, das er auf dem Boden gefunden hat. Er packt das Bündel so sorgfältig, es wirkt fast kunstvoll. Dann nimmt er es feierlich in beide Hände und überreicht es unserer älteren Verwandten sehr zeremoniell – „Für dich, Feuer machen“. In einem Moment hat er eine Freundin fürs Leben gewonnen.

Wie seltsam, dass mir gerade heute diese Erinnerung in die Hände fällt – haben wir doch gerade kürzlich wieder bei neuen Bekannten mit der Information für Überraschung gesorgt, dass der Sohn nicht leibliches Kind ist und nicht einmal hierzulande geboren … Man würde, wenn man es nicht weiß, nicht mehr bemerken, dass er schon mehr als fünf Jahre alt war, als er dieses unfassbar neue Leben begann.

Und dennoch – er bleibt, wer er ist, passt nur seine Gesten an, nicht sein Wesen. Er ist stolz darauf, wie sein Leben verlief – und wie stolz können wir darauf sein, wie er ganz selbstverständlich erklärt, er möchte zwei Pässe haben, wenn er älter ist – natürlich bleibe er  immer noch ein Äthiopier.

One Comment leave one →
  1. arun permalink
    März 11, 2015 8:59 am

    Zwei Pässe sind leider nicht erlaubt. Aber eine Yellow Card. Die kann man auch als Kind bekommen….ist bestimmt etwas bürokratisch….aber die Sache wert.http://sodere.com/profiles/blogs/what-is-the-process-for-ethiopian-diaspora-to-get-ethiopia-s-orig

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