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Adoption und Ambiguitätstoleranz – aus der Sicht einer Adoptivmutter

Juni 24, 2013

Ambivalenz begegnet jedem, der die Institution und die gegenwärtige Praxis der internationalen Adoption betrachtet, an jeder Ecke. Ambiguitätstoleranz ist eine Eigenschaft, die in diesem Zusammenhang mehr gefragt ist als in jedem anderen Lebensbereich, den ich kenne.

„Adoption ist das einzige Trauma, bei dem vom Traumatisierten Dankbarkeit erwartet wird“, sagt ein Sprichwort, das eine Weile lang unter erwachsenen Adoptierten in Amerika gerne zitiert wurde.

Ich kenne genügend Eltern, welche schon die erste Hälfte dieser Aussage empört und aus der Fassung bringt – Gerne winkt man mit der Resilienzforschung, verweist auf die schlechten Lebensbedingungen in den Herkunftsländern und verbittet sich Aussagen, die den „schlechten Ruf“ von Adoptionen befördern, um davon zu überzeugen, dass Adoption alles mögliche Förderliche, aber sicher kein Trauma, sein kann.

Ich glaube, das geschieht vornehmlich deshalb, weil hier zwei Ebenen nicht getrennt werden:

Die des emotionalen Erlebens, und die der Beurteilung eines Umstands.

Mag sein, dass die nüchterne Beurteilung ergibt, dass sich die Lebensumstände eines Kindes durch die Adoption entschieden verbessert haben (was im übrigen das Ziel der Adoption ist). Verbietet es sich deshalb für das Kind und seine verantwortlichen Bezugspersonen zu akzeptieren, wie schwierig es manchmal ist, adoptiert zu sein? Verbietet es sich, den Verlust anzuerkennen, den ein Kind erlitten hat?

Keineswegs, möchte ich meinen.

Viele Eltern, indem sie gegen Sprüche wie den oben zitierten reden, berichten, ihre adoptierten Kinder seien „ganz normal“.  Für mich ist das immer ein Paradox, welches ich schon in vielen Gesprächen versucht habe zu erklären:

Ein Kind, das beispielsweise bei einem Verkehrsunfall unter schwierigsten Umständen von seiner leiblichen Familie getrennt wurde, in einem Krankenhaus unter schwierigen Bedingungen versorgt wurde, das alles, was es mit all seinen Sinnen kennt, verloren hat, dem gesteht man zu, dass es diese Erfahrungen verarbeitet, indem es seine Verwirrung und seinen Schmerz auslebt. Mir, und bestimmt vielen anderen Erwachsenen, würde ein Kind, das unter diesen Umständen lächelnd das Krankenhaus an der Hand von Fremden verlässt und die nächsten zwanzig Jahre glücklich und zufrieden bei ihnen lebt, ausgesprochen untypisch vorkommen – und wenn jemand unbedingt den Begriff gebrauchen will, sein Verhalten würde in diesem Zusammenhang ziemlich „unnormal“ auf mich wirken. Nur im Fall von Adoption scheint es schwierig zu sein, diesen Verlust als Teil des emotionalen Geschehens wirklich in voller Konsequenz anzunehmen – sonst würden es nicht so viele Adoptivfamilien als Beschimpfung erleben, wenn ihnen gesagt wird, sie „würden nie eine ganz normale Familie sein.“

Ein Kind, das sich völlig normal verhält, indem es sich manchmal schwierig verhält, weil es die schwierigen Erlebnisse seiner Vergangenheit verarbeitet, wird möglicherweise den Erwartungen nicht gerecht, die Erwachsene in seinem Umfeld haben. Eltern, welche die Besonderheit ihrer Kinder akzeptieren und damit umgehen, schätzen ihr Kind um so mehr, wenn es sich Strategien aneignet, sich auf sozial akzeptabele Weise auszuagieren.

Eine Adoptivfamilie zu finden, in der es sich aufgehoben und geliebt fühlt, ist für ein Kind ein wunderbares Geschehen, das stets auf dem schrecklichen Verlust der ersten Familie basiert.

Für diesen Verlust kann die zweite Familie nichts, und in den allerseltensten, gegen null tendierenden Fällen wird sie aktiv dazu beigetragen haben; deshalb erscheint es so unverständlich, mit wie viel Energie er von manchen geleugnet werden muss.

Scheiternde Adoptivfamilien haben mit aushaltbaren Ambivalenzen nicht mehr viel zu tun; sie sind im Zustand der Krise mit anderen Dingen beschäftigt. Wenn sie in ihrer Verzweiflung einen Schuldigen suchen für ihr Unglück, dann habe ich persönlich für sie Verständnis. Genauso ist Verständnis für diejenigen unter den erwachsene Adoptierten sicher, welche die Instanz als solche aufgrund persönlicher Erfahrungen nicht für erhaltenswert halten.

Eine besondere Herausforderung wird  Ambivalenz für Adoptivfamilien, wenn die eigene Familie glücklich und zufrieden lebt; wenn, wie es eine  befreundete Therapeutin formulierte, „die alltägliche Liebe gelingt“, und doch zur gleichen Zeit das Bewusstsein dafür die Familie begleitet, dass systematische Korruption und unethische Praktiken im Herkunftsland untrennbar mit ihrer persönlichen Familiengründung verbunden sind.

Man kann natürlich hier Ambiguität leicht umgehen, indem man darauf verweist, das Kind sei anderenorts (Korruption hin oder her) im Elend zugrunde gegangen. Das ist natürlich – von Fall zu Fall – gegebenenfalls richtig.

Genauso richtig ist es allerdings, dass sich ein Kind, das hier aufwächst, nicht deshalb hier wohl fühlen muss bei seiner neuen Familie. Um so besser, wenn es das kann! Allerdings ist das ein besonderes Geschenk (und eine große Gnade, wenn man religiös empfindet) und keine nur „etwas andere Familiengründung.“

Wenn ich persönlich den ersten der beiden Sätze vom „Elend und vor die Hunde gehen“ oben meinen Kindern gegenüber gebrauchen würde, hätte ich den Eindruck, ich erwarte Dankbarkeit, oder sie hören diese Erwartung. In Kenntnis des Spruchs vom „Trauma, für das sie dankbar sein sollen“, vermeide ich es, eine solche Sicht zu vermitteln.

One Comment leave one →
  1. b. permalink*
    Juni 24, 2013 1:00 pm

    Hat dies auf Eth.i.A. rebloggt.

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