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Politik, Öffentlichkeit und Adoptionsreform – Eine bittere Wahrheit -Update

Mai 23, 2013

Viele Leser dieses Blogs haben sich im Lauf der letzten Jahre verwundert oder gar befremdet darüber gezeigt, dass ich die Arbeit der NGO „Against Child Trafficking“ insbesondere bei der Dokumentation, der Herkunftssuche und bei der Zusammenführung von Familien hier an dieser Stelle gelobt habe, und mehr – z.B. durch Spendenaufrufe. Wie könne es sein, dass eine Adoptivmutter derart die Arbeit einer Organisation unterstütze, die, so andere Adoptiveltern, eine „Kampagne gegen Auslandsadoption“ betreibe?

Ich bin bei weitem nicht die einzige Adoptivmutter, die sich ACT in Dankbarkeit, wenngleich kritisch, verbunden sieht. Vorbehalte sind nicht ausgeschlossen: Einzelne Entscheidungen und Methoden der Organisation kann ich nicht gutheißen.

Allerdings TUT diese Organisation etwas, sie BEWEGT Dinge, wo andere eher beobachten und kommentieren. Sie spielt eine Vorreiterrolle in vielen Fragen; Erkenntnisse, die sie vor Jahren bereits öffentlich vertrat und bekannt machte (z.B. über Kinderrekrutierungen in Äthiopien) und deren bloße Erwähnung damals einen durchschnittlichen Adoptivelternteil in die Nähe von indiskutablem Radikalismus rückte, sind heute fraglos in die allgemeine herrschende Meinung aufgenommen worden.

Grundsätzlich ist diese Organisation ist die einzige, die konsequent und ohne Einschränkungen die UN-Konvention zum Schutz der Kinderrechte als Bezugsrahmen an die oberste Stelle der Agenda zur Veränderung innerhalb der Adoptionslandschaft rückt. Während viele sich darauf beziehen, die Haager Konvention (welche, was vielen nicht klar ist, eine privatrechtliche Vereinbarung ist und vor allem die Formalitäten bei der Abwicklung von Adoptionen regelt, so ungefähr wie bei Handelsfragen oder bei Zollbestimmungen ein Modus zur Abwicklung vereinbart wird) sei nur konsequent genug anzuwenden und alles werde besser, hinterfragen die ACT- Mitglieder, welche Konsequenzen sich aus einer stringenten Anwendung der UN-Kinderrechtskonvention im Einzelnen ergäben. Dass die Ergebnisse solcher Überlegungen manchen nicht gefallen und in manches Weltbild nicht passen, macht sie der Sache nach nicht weniger zutreffend. Zumindest haben sich in der dadurch angestoßenen Diskussion viele Vordenker der Reformbewegung, wie beispielsweise David Smolin, um eine Weiterentwicklung in der Verbesserung von gesetzlichen Rahmenbedingungen bei der Internationalen Adoption bemüht, indem sie nicht nur eine konsquente Umsetzung der Bestimmungen beider Regelwerke und deren bessere Verzahnung fordern, sondern verstärkt auf  Lücken hinweisen, die auch bei konsequenterer Handhabung immer noch bestehen werden.

Weiterhin betreibt ACT Feldarbeit im wahrsten Sinne des Wortes. Sie suchen Familienangehörige auch dann noch mit Erfolg, wenn zahlreiche offizielle Stellen den Suchenden davon . mangels Erfolgsaussicht – abgeraten haben. Und sie recherchieren und dokumentieren in den Herkunftsländern und tragen so zur Stärkung der Rechte von Herkunftsfamilien bei.

In ihrem Engagement und in ihrem kompromisslosen Einsatz unterscheiden sie sich wohltuend von der ausweichenden Selbstzufriedenheit mancher Amtsträger und politischer Repräsentanten der Mainstreampolitik und von der ablenkend- begütigenden Strategie im Umgang mit den Schattenseiten der internationaler Adoption, wie sie manche öffentlich auftretenden Adoptiveltern an den Tag legen.

Die Notwendigkeit, Modalitäten von internationalen Adoptionen kritisch zu beleuchten (z.B. die Rolle von privatrechtlich organisierten Vereinen, die Situation der Nachbetreuung von international adoptierten Kindern zu untersuchen) ist seit Jahr und Tag unbestritten; Skandale sind auch in Deutschland nicht selten aufgedeckt worden.

Meist hat sich in diesen Fällen die Öffentlichkeit über den Verlust der Privatsphäre der betroffenen Familien ereifert und ist darüber elegant über die dahinterliegenden echten Skandale hinweggegangen. Von politischer oder von amtlicher Seite sah man mit schöner Regelmäßigkeit keinerlei Notwendigkeit zu irgendwelchen Stellungnahmen oder Aktionen.

Im Gegenteil: Nachdem sich die erste Welle der Versteinerung nach der Offenlegung eines erneuten Skandals gelegt hat, schwappt mit ebenso schöner Regelmäßigkeit eine Welle der Begütigung durch die Öffentlichkeit: Nicht alle Adoptionen seien schlecht; Adoptierte seien doch nicht alle unglücklich; Adoptierer sind keinesfalls alle kriminell …

Als ob jemand irgendetwas derartiges überhaupt jemals behauptet hätte!

Auf diesem Weg verkennt man das eigentliche Problem  – (und es ist zu hoffen, dies unabsichtlich und nicht strategisch)

Niemand, auch nicht die angeblich in der Hauptsache kampagnetreibenden Mitarbeiter irgendwelcher Organisationen, die sich das angeblich geltungs- und preisbedürftige (Fehl)verhalten von Dokumentarfilmern angeblich für Kampagnen zunutze machen, wird annehmen oder anstreben, dass alle internationalen Adoptionen morgen oder in einem Jahr enden werden – zumindest ist das der Stand meiner Kenntnis. Das ist jedenfalls nicht das Motiv ihres Tuns.

Mit Sicherheit ist es nicht mein Motiv, wenn ich mich für die Notwendigkeit von Reformen ausspreche.

Was mich persönlich betrifft, so habe ich mich immer gefragt, weswegen nicht bei Adoptionen die gleichen Sicherheitsstandards gefordert werden wie im täglichen Leben. Wenn ein Zug entgleist, wird man kaum drei Wochen später öffentlich die Zuverlässigkeit der Bahn im sonstigen Alltag loben und an die vielen geglückten Bahnreisen erinnern, die man bereits absolviert hat. Vielmehr wird man zuerst die Ursachen des Unglücks  suchen und danach trachten, sie umgehend zu beheben – Hoffentlich jedenfalls.

Man stelle sich vor, der Überbringer der Unfallmeldung würde angegangen dafür, dass er den Unglückszug gefilmt habe, BEVOR noch die Ursachen des Entgleisens gefunden waren – oder ein andere Berichterstatter würde damit behelligt, den Ruf der Bahn geschädigt und die Reisenden nachhaltig verunsichert zu haben!

Der Fall der internationalen  Adoption folgt anderen Regeln. Es wird, statt nach dem schwächsten Glied im System zu schauen und zu versuchen es zu ersetzen oder zu verbessern, mit vorgeblichen Alternativen aufgewartet  – parallel im Beispiel  so etwa auf diese Weise: „Wenn jetzt die Bahntechnik überprüft werden soll, dann  gehen  alle mal zu Fuß – Wollt ihr das? Wenn nicht, dann macht mal einen Punkt hinter euere dauernde Kritik!“

Für den Fall der Internationalen Adoption: Das Argument lautet, dass, würde sie eingeschränkt, zahllose Kinder in Heimen verbleiben müssten, und zwar vor allem ältere, die häufig gänzlich familienlos seien.

Dies mag einerseits zutreffen; andererseits blendet es vollständig aus, wie derzeit einige Vermittlungsstellen – laut zuverlässiger Information  – wegen der „Schwierigkeiten“, auf die potentielle Eltern bei dieser Gruppe an Kindern treffen könnten, nur noch einzelne Kleinkinder bis zum Alter von drei Jahren vermitteln.

Das Elend in den Heimen, dem die Kinder dauerhaft ausgesetzt wären, wird gerne berufen – ohne doch zugleich dabei zu berücksichtigen, dass  genauso zutrifft,  zumindest nach Aussagen von renommierten Organisationen wie UNICEF,  dass in vielen Herkunftsländern die Anzahl der Heimunterbringungen proportional zu der an Adoptionsmöglichkeiten steigt. Nicht umsonst engagieren sich  viele erfahrene Adoptiveltern derzeit in der Arbeit zur Familienwiederzusammenführung vornehmlich in Ländern, die eine erhöhte Nachfrage an Adoptionen erleben.

Die Fähigkeit, Dinge in Kategorien wie  „und“ und „aber auch“ zu betrachten und nicht im „entweder/oder“, eine Fähigkeit, deren Fehlen man so gerne bei Organisationen wie beispielsweise ACT beklagt, tritt gerne zügig in den Hintergrund, wenn es darum geht, die positiven Seiten der Internationalen Adoption um jeden Preis herauszustellen, vorgeblich, um sie vor Kampagnen zu bewahren. Das ist schade.

Was die Politik betrifft, so zeichnen sich die zuständigen Ämter seit Jahr und Tag vor allem durch eine hohe Effizienz im Bereich von Verwaltungsprozessen aus; formaljuristische Vorgaben zu erfüllen ist  tatsächlich in allen Bereichen des öffentlichen Lebens  ein wichtiges Gut und grundsätzlich zu begrüßen. Man kann, aber muss nicht beklagen, dass dabei wichtige Informationen über Länder und Vermittlungsstellen schon deshalb verloren gehen, weil keine Möglichkeit besteht, sie anonymisiert den Aufsichtsbehörden zur Verfügung zu stellen  – auf welche Art beispielsweise amtlicherseits noch zwei Jahre nach der Ausstrahlung von „Fly Away Children“ über den Einsatz so genannter „Childfinder“ in Äthiopien keine näheren Informationen bekannt waren. Vielleicht ist  Bürokratie eben so.

Man kann, aber muss nicht beklagen, vieles unter der Hand zu wissen, was eben dort bleiben muss, weil zahlreiche Informationen nur unter dem Siegel der Verschwiegenheit überhaupt fließen. Zu groß ist die Besorgnis, Herkunftsfamilien oder gar den Kindern zu schaden.

Ein Bereich, in dem allerdings unbedingt Kompromisslosigkeit herrschen sollte, wie ich finde, ist die Nachbetreuung von bereits adoptierten Kindern, die Beratung ihrer Familien und die Unterstützung von Adoptierten bei der Herkunftssuche.

Geht es allein um die Feststellung der Notwendigkeit an Verbesserungen in der Nachbetreuung von adoptierten Kindern, wird man gerne mit Ergebnissen von Studien aus den Jahren 1970 bis 1980 konfrontiert, die besagen, Adoptivfamilien seien glücklicher als andere, die Kinder zeigten ein besseres Sozialverhalten als der Durchschnitt und die Schulleistungen seien ebenso gut wie die der hier geborenen Kinder. Die Methodik und die Hintergründe dieser Studien finden dabei ebenso wenig Beachtung wie zahlreiche neuere Studien und neuere Arbeiten unter anderem aus den USA, die eine andere Sprache  sprechen und oft zu sehr komplexen Aussagen kommen.  (siehe auch hierhierhier, hier und hier).

Die Notwendigkeit von Reformen in diesem Bereich wird  so leicht und schnell  ignoriert und/oder  ganz bestritten. Darüber, wie die mancherorts nun berufene grundsätzliche Ermöglichung von Kontakten zur Herkunftsfamilie nun in der Praxis durchgeführt werden kann und welche Schwierigkeiten sich möglicherweise bei allen Chancen auftun könnten, gibt es keine praktischen Erkenntnisse.

Und: Reform ist tatsächlich kein einfacher Prozess. Derzeit beginnen Politiker in Dänemark viele gesetzlichen Iniativen in Richtung einer völligen Umstrukturierung von Adoptionsverfahren, die vielleicht nicht der Weisheit letzter Schluss, aber ein Schritt in die richtige Richtung darstellen. In Deutschland sind entsprechende Überlegungen nicht einmal angestellt worden.

Es ist bekanntlich leichter, dergestalt  Zustände zu beklagen als selbst Iniativen zu ergreifen.

Wie einigen regelmäßigen Lesern bekannt ist, hatte ich mich im letzten Jahr dazu entschlossen, einen Brief an die Kinderkommission des Bundestags wegen der Notwendigkeit der Einrichtung eines Kompetenzzentrums für Internationale Adoptionen zu schreiben; einige Überlegungen dazu finden sich hier, hier  und vor allem hier.

Die Antwort war ebenso ernüchternd wie vielsagend:

Um mit einer nebensächlichen Kleinigkeit zu beginnen, hatte man mich offensichtlich schlichtweg verwechselt. Denn es wurde bedauert, dass meine Bitte um ein Gespräch abschlägig zu bescheiden sei – nur kann ich mich an eine solche Bitte gar nicht erinnern. Ich weiß von einer anderen Mutter, die sich in ähnlicher Angelegenheit an die Kinderkommission gewendet hatte: Vielleicht hatte sie diesen Wunsch geäußert? – Immerhin hatte die Kommission eine Antwort auf die Anfrage geschickt – das kann man nicht von allen Adressaten aus dem politschen Leben sagen.

Inhaltlich wurde mir nahe gelegt, mich in der nächsten Legislaturperiode an die nächste Kommission zu wenden, da die jetztige terminlich ausgebucht sei und sich also mit der Sache nicht mehr beschäftigen werde; darüber hinaus teilte man mit, man habe eine „Sachstandsmeldung“ bei entsprechenden verantwortlichen Stellen angefordert.

(Falls diese Stellen zufällig wieder vorwiegend Studien aus den 70-er Jahren ausgraben sollten, kann man sich  in etwa ausmalen, was diese Anfragen ergeben werden.)

So lange die Dinge so liegen, wie sie eben liegen, braucht es die „Pressure Groups“ wie ACT, die sich stark machen für das Recht adoptierter Kinder und Erwachsenener  auf die Kenntnis ihrer Herkunft und für die Rechte natürlicher Familien auf Nachricht von ihren Kindern. Es braucht sie, um eine Diskussion über Lage von erwachsenen Adoptierten in Gang zu halten, die sonst schnell in die Ecke der Verbitterung und des (selbsverschuldeten) Scheiterns gerückt wird, ohne dabei darauf zu achten, wie viel Verbesserungspotential sich aus der Bestandsaufnahme von einmal gemachten Fehlern im Interesse neuer Generationen ableiten ließe.

Man muss nicht jede Ansicht teilen, die diese Gruppe, und solche mit ähnlicher Ausrichtung, vertritt. Es lohnt sich aber immer wieder, sich kritisch mit ihren Positionen, wie zum Beispiel auch der von Pound Pup Legacy, auseinanderzusetzen.

Ich möchte, nur zum Beispiel, auf diesen aktuellen Beitrag hinweisen, dessen Argumentation  ich für unbedingt bedenkenswert halte.

Und wofür die Mühe? Es ist nicht damit getan, Kinder „aus dem Elend zu retten“ und ihnen „ein gutes Leben zu bieten“. Die Kinder haben so viel mehr verdient.

Für neue Leser, die sich im Moment zahlreich hier einfinden, hier eine Kurzfassung dessen, wofür ich stehe:

1. Jedes Kind hat ein ungeteiltes Recht auf die ungeteilte Kenntnis seiner Herkunft und auf den Umgang mit allem, was zu ihr gehört.

2. Jede Herkunftsmutter hat das ungeteilte Recht auf Informationen über die Entwicklung ihres Kindes.

3. Jedes Kind hat das ungeteilte Recht darauf, dass seine Herkunftsfamilie und das Land seiner Herkunft in seiner neuen Familie mit Respekt und Freundlichkeit betrachtet wird. Das hat nichts mit Ethnozentriertheit oder Verwurzelungsideologie zu tun, sondern mit der schlichten Tatsache, dass die Herkunft ein Teil des Kindes ist.

4. Kinder sind, auch wenn sie als Säuglinge in eine Familie adoptiert werden, keine “unbeschriebenen Blätter”. Sie haben einen Verlust erlitten, bevor sie in ihrer derzeitigen Familie mit Liebe aufgenommen wurden; diesen Verlust zu leugnen oder in seiner Bedeutung zu beurteilen hat niemand, außer das betroffene Kind selbst, das Recht.

Womit ich mich nicht mehr beschäftigen will

sind Positionen, die Adoption  für eine alternative  Form der Familiengründung kinderloser erwachsener Menschen halten – sie sind elternzentriert und missachten die Erfahrungen unzähliger Betroffener, nämlich Adoptierter  – und Positionen, die in irgend einer Weise den Aspekt der Dankbarkeit ins Spiel bringen, den eine adoptierte Person – ausgesprochen oder unausgesprochen – der neuen Familie schuldet.

Ebenso werde ich mich nicht mehr mit Positionen auseinandersetzen, die unethische Praktiken in Adoptionen als ein notwendiges Übel im Zusammenhang mit einer “Rettung vor Elend” rechtfertigen.

Insgesamt fällt meine persönliche Bestandsaufnahme nach einigen Jahren der Beschäftigung mit Themen der internationalen Adoption sehr ernüchtert aus. Wir könnten vieles besser machen – den festen Willen dazu kann ich noch viel zu selten sehen.

2 Kommentare leave one →
  1. b. permalink*
    Juni 3, 2013 7:53 pm

    Hat dies auf Eth.i.A. rebloggt.

Trackbacks

  1. Antwort von der Kinderkommission | Betyie

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