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Themenschwerpunkt: Madagaskar als neues Adoptionsland?!

Januar 3, 2013

Madagaskar ist seit 2007  Vertragsstaat für Adoptionen nach der Haager Konvention.

Verheiratete Paare, von denen ein Partner mindestens 30 Jahre alt sein muss, können aus Madagaskar adoptieren. In der Familie dürfen nicht mehr als drei weitere Kinder, biologische oder adoptierte, leben. Nach den Bestimmungen der Haager Konvention muss für die zur internationalen Adoption ausgewählten Kinder zuerst nach einer Unterbringung im Herkunftsland gesucht werden.

Sind künftige Adoptiveltern für ein Kind gefunden und ist ein Kindervorschlag ergangen, beginnt eine Pflegezeit im Land, über deren Dauer es unterschiedliche Angaben gibt. Das amerikanische DOS spricht von wenigstens 4 Wochen, die leicht auch überschritten werden könnten; danach würden Gerichtsbeschluss und Visum beantragt. Rainbowkids, eine private Organisation, geht von zwei Reisen von je 1-2 Wochen aus. Hier werden auch Angaben zum Alter der zur Adoption kommenden Kinder gemacht: Die Spanne reiche von 13 Monaten bis zu 12 Jahren.

Aus den USA hat eine Adoptionsagentur namens Small World Adoptions im Januar 2011 die Zulassung für internationale Adoptionen aus Madagaskar erhalten. Sie berechnet rund 30 000 Dollar insgesamt für die Vermittlung. Über diese Organisation, die zuvor hauptsächlich aus Russland vermittelt hat, finden sich hier weiterführende Informationen.

Innerhalb Europas werden vor allem nach Frankreich Kinder aus Madagaskar vermittelt; die Zahl der wartenden Familien gibt eine Agentur aktuell  mit 280 an.

In Deutschland wird die bayrische Agentur Eltern für Afrika eigener Mitteilung nach ab Anfang 2013 aus Madagaskar Adoptionen vermitteln und bietet Anfang Januar bereits ein erstes Informationsseminar an.

Eltern für Afrika hat bislang  Adoptionen aus Mali, Kenya und Äthiopien vermittelt. In Äthiopien sind aufgrund der Reaktion der dortigen Regierung auf die hinlänglich bekannten  Schwierigkeiten bei den  Freigabe – und Adoptionsverfahren die Wartezeiten wesentlich länger geworden. Im letzten Jahr hat Mali aufgrund der sich schon länger abzeichnenden politischen Krisen, die zugleich auch ethnisch und religös begründet sind, Auslandsadoptionen völlig eingestellt. Neben Äthiopien steht also derzeit durch diese in Afrika tätige Agentur nur noch das Angebot der zeit-und kostenaufwändigen Adoption aus Kenya bereit.

Über die bisherige Arbeit der Agentur, vor allem bei Vermittlungsverfahren aus Äthiopien, kann man sich hier, hierhier und hier informieren. Die aufsichtsführende und zugleich auch zulassende Behörde für die Agentur ist das Landesjugendamt Bayern.

Vor einiger Zeit konnte man einen Filmbeitrag über eine in Madagaskar wohnende und arbeitende deutsche Adoptivfamilie im Fernsehen verfolgen. Ansonsten ist das afrikanische Land in der deutschen Berichterstattung nicht sonderlich präsent. Soweit man in einem ersten Überblick erkennen kann, ist das Land multi-ethnisch (18 Hauptethnien) bevölkert und seit seiner Unabhängigkeit im Jahr 1960 von zahlreichen politischen Schwierigkeiten gekennzeichnet. Offenbar sollen Anfang 2013 internationale Wahlbeobachter dahin entsandt werden, um einen geordenten Ablauf der Präsidentschaftswahlen zu garantieren.

Die katholische Organisation „Missio“ hat 2010 einen Bericht über die politischen und  sozialen Gegebenheiten in Madagaskar veröffentlicht, der vor allem die Korruption der politschen Klasse und Differenzen zwischen den Ethnien für Menschenrechtsverletzungen und die allgemein herrschende Armut in einem eigentlich reichen Land verantwortlich macht. Einige Zitate hierzu:

Corruption and transparency in governance: The international World Bank indicators
measuring good governance confirm that corruption and indemnity from
punishment in the Ravalomanana government presented a serious problem
from the very outset. […]Non-governmental organisations and the
media point out, however, that the battle against corruption is waged for the
most part at the lower levels. (S. 11)

In aller Regel werden unter solchen Rahmenumständen Kinderrechte nicht zuverlässig gewahrt, und so zeichnet der Bericht ein äußerst düsteres Bild der allgemeinen Situation:

Child abuse is a serious problem nationwide. In 2007, therefore, the government
agreed on an action plan to combat violence against children, child labour, sexual
exploitation and trafficking in children. Together with UNICEF the Ministry of
Health runs a nationwide network to fight child abuse and exploitation.
Child marriages occur throughout the country, especially in rural regions. Some
33 per cent of girls between the ages of 13 and 19 are married in accordance with
traditional custom. In April 2007 the legal minimum age for marriage between
boys and girls without parental permission was raised to 18.
Child prostitution is one of the most frequent forms of child labour. UNICEF has
established that between 30 and 50 per cent of the prostitutes in the port town
of Tamatave and on the island of Nosy are under 18.
The disowning of children is illegal but is often practised because of poverty and a
lack of family support. No reliable statistics are available. There is a tradition in
the south-west of the island according to which twins are regarded as a curse on
the family. For that reason one or both twins are abandoned. In the wake of a
detailed study of this practice in Mananzary an education programme has been
launched for the local population. Outcast children are mostly looked after in
Church welfare programmes.
Human trafficking has been legally prohibited since 2007, but it is still practisedin the case of children and young women, mostly from rural areas. Children andgirls are sold for prostitution (sex tourism), forced labour (including as domestic servants) and street trading. A law passed in 2007 banning human traffickingremains largely unimplemented.

(Hervorhebung von mir; S. 12)

Insofern die katholische Kirche im Allgemeinen nicht zu den Radikalen unter den politischen Beobachtern und Kommentatoren gerechnet wird, darf man diese Analyse wohl durchaus als eine zuverlässige Beschreibung der Situation werten; ob sie sich seit 2010 entschieden verbessert hat, kann man wohl bezweifeln.

Hier lohnt vielleicht ein (Rück-und Seiten)Blick auf das Adoptionsland Äthiopien: Viele Beobachter  hatten in der Vergangenheit darauf aufmerksam gemacht, dass die  schwierige Lage bei der Wahrung der Menschenrechte und der Meinungsfreiheit dort in Kombination mit der Dominanz einer bestimmten ethnischen Gruppe auf der politischen Herrschaftsebene dazu geführt haben, besonders benachteiligte Regionen (z.B. die Southern Nations in den Regionen um Kembata, Gambela und Sidame) dazu auszuwählen, viele Kinder zur internationalen Adoption freizugeben.  Inwieweit diese Beobachtungen ganz zuverlässig sind, kann man wohl von außen nie ganz verifizieren. Jedenfalls hat  dieser politische Hintergrund mit dazu beigetragen, dass eine umfassende Rechtssicherheit für Adoptionen aus Äthiopien in der Vergangenheit nicht durchgängig angenommen werden konnte; verschiedene Nachbesserungen durch die Regierung haben immer wieder auch zu Veränderungen in den Verfahren oder zu temporären Einstellungen geführt.

 

Unabhängig von solchen Erwägungen  schildert auch UNICEF die Lage in Madagaskar als kompliziert:

In early 2009, Madagascar entered a period of prolonged political crisis that is having a profoundly negative impact on the lives of the country’s women and children.
In March 2009, the incumbent government was toppled and a transitional government established. The change was accompanied by weeks of often violent street protests in several of Madagascar’s main cities. In the capital, Antananarivo, daily antigovernment demonstrations often led to looting and clashes with security forces. As a result of the change of government, key donor aid was suspended, leaving  Madagascar’s economic situation fragile: around 70 per cent of the public investment was foreign financed. (S.2)

Internationale Hilfen kommen laut UNICEF häufig aufgrund der instabilen Situation nicht dort an, wo sie am meisten gebraucht werden:

Basic social services have been severely eroded as national funding for health and
education has diminished. In some areas basic health centres have closed, lacking equipment, medicines and human resources. Nationwide, the country’s health service is struggling to meet basic funding requirements for providing routine vaccinations for children and pregnant mothers.
Thousands of people who should have seen improvements in water and sanitation facilites since the beginning of 2009 are not being reached, making UNICEF’s
work in this area even more urgent in order to reduce unnecessary childhood deaths
caused by waterborne illnesses. (S.3)

Man kann antürlich einerseits argumentieren, hier sei angesichts des großen Elends die Wiedereinführung von Möglichkeiten internationaler Adoption zur Verbesserung der Lage von Kindern besonders vonnöten.

Umgekehrt kann mich sich aber durchaus auch fragen, ob in einer Situation, wo nicht einmal die Grundversorgung notleidender Kinder mittels internationaler Hilfen aufgrund politischer Rahmenbedingungen zuverlässig gewährleistet zu sein scheint, die richtigen Ausgangsbedingungen  herrschen,  damit die Rechtmäßigkeit und Rechtssicherheit in internationalen Adoptionen gewährleistet werden können.

Daneben kann man  ebenso Zweifel daran anmelden, ob nach den zahlreichen Adoptionsskandalen in den vergangenen Jahren eine erhebliche Notwendigkeit dazu besteht, Adoptionen aus einem Land anzubieten, dem unabhängige Stellen kinderhandelsbegünstigende Strukturen attestieren.

One Comment leave one →
  1. Anna permalink
    Dezember 1, 2014 10:49 am

    Wie man hört ist in Madagaskar zur Zeit ein großer Pestausbruch. Dadurch werden Adoptionen sicher erschwert.

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