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Atavistische Rudelbildung

Juni 25, 2011

In grauen Vorzeiten, als die Menschen noch mit Keulen auf die Jagd und aufeinander losgingen, mag es einen Sinn gehabt haben zu denken:

„Wer nicht für uns ist, ist gegen uns!“

Vielleicht hatte es auch keinen, und die Älteren schüttelten schon damals  die Köpfe bedenklich bei derartigen Sprüchen; sicher ist aber, dass in unserer entwickelten und reflektierten Zeit das Muster

„Dafür oder dagegen“, „Schwarz oder weiß

eigentlich ausgedient haben sollte, besonders wenn es darum geht, Antworten auf komplexe Fragen zu finden.

Eine der komplexesten Situationen ist zweifelsohne die einer Adoption.

Fragen, die sich für jeden adoptierten Menschen irgendwann im Laufe seines Lebens stellen werden, sind unter anderem sicher

– wer ist meine Mutter, und warum hat sie mich nicht behalten?

– konnte oder wollte sie mich nicht behalten?

– wieso bin ich, von allen Familien dieser Welt, in meine neue Familie gekommen?

– wie konnte mich diese Familie wollen, wo sie mich doch gar nicht kannte?

– wollte sie nicht vielmehr ein ganz anderes Kind  – ein „passenderes“- und ist mit mir gar nicht wirklich zufrieden?

– wie wäre es gewesen, wäre ich bei meiner richtigen Familie groß geworden? Hat man mich meiner wirklichen Familie vielleicht gestohlen?

– warum muss ich hier sein, wo mich andere als FREMD betrachten? Und warum muss ich mich Zeit meines Lebens fremd fühlen müssen?

Solche Fragen berühren im Kern den Wert des eigenen Daseins und sind mit Sicherheit fordernder als die meisten existenziellen Probleme, mit denen sich andere, eben nicht adoptierte Menschen, beschäftigen.

Um so mehr benötigen die Kinder, auf welche diese Fragen am Horizont warten, (wenn sie sich noch nicht gestellt haben), feste und klare unterstützende Erwachsene. Sie brauchen Erwachsene, die sich als Gebende verstehen. Wie Margie es letzthin  formuliert hat:

They [prospective adoptive parents] need to learn early on that they are the bit player in the adoption story, their needs and wants and desires come last, if at all.  They need to learn that their role is about giving, not missing.

Der Beitrag, aus dem dieses Zitat stammt, behandelt die Art des Diskurses in „Adoptionland“ anhand eines aktuellen Aufhängers, der hier nichts zur Sache tut, weil er beliebig, zufällig und austauschbar ist. Der Sachverhalt ist allerdings universell: Der Diskurs über (internationale) Adoption ist im Allgemeinen in sämtlichen Medien, besonders aber im Internet, weder respektvoll noch hilfreich; er „vergisst“ thematisch viel zu häufig, wer im Mittelpunkt des Geschehens der Adoption steht – und er polarisiert.

Der Stil  unterscheidet sich in den verschiedenen „Lagern“ wenig voneinander.

Als Mutter von adoptierten Kindern liegt mir die Seite der Adoptiveltern am meisten und zuerst am Herzen. Erstaunlich finde ich hier immer wieder aufs Neue, dass gerade unter den künftigen und gegenwärtigen Adoptiveltern, die insgesamt per Rolle nicht nur über eine besonders ausgeprägte Fähigkeit  zur Vermittlung von Konträrem, sondern auch  zum Vertreten klarer Positionen verfügen müssten, die sich aus ureigenstem Interesse mit offenen Augen und klaren Gedanken mit den Neuigkeiten und Berichten aus der Welt der internationalen Adoption auseinandersetzen müssten, nicht wenige Vertreter sofort zu wissen scheinen, woher der Wind weht, wenn ein Skandal im Geschäft der internationalen Adoption aufgedeckt wird, wenn von Korruption berichtet wird, wenn Verfahren kritisiert werden, welche die sozialen Strukturen der Herkunftskultur verletzen: Es kann sich nur um die Gegner der Adoption handeln, um Skandalsüchtige  und insgesamt Missgünstige.

Wer Missbrauch kritisiert oder nur benennt, ist schnell verdächtig, „der Sache“ zu schaden.

Manche Beobachter hat das zu der Feststellung veranlasst, dass in nicht wenigen Fällen statt kritischer Aufmerksamkeit  das „True Believer Syndrom“ herrscht  – nämlich, dass an bereits faktisch entlarvte Mythen unverdrossen weiter geglaubt wird.

Ein Überblick über derartige Mythen über internationale Adoption, sowie einige Posts aus anderen Blogs, die sie illustrieren und/ oder entlarven:

Mythos – Zur internationalen Adoption gelangen stets bedürftige (Waisen)Kinder, die sonst nicht in ihrem Heimatland versorgt werden könnten.

http://creatingourjoy.blogspot.com/2011/06/not-all-children-in-orphanages-are.html

Dieses Post erklärt noch einmal anhand einiger aktueller Berichte, dass in vielen Fällen die in Waisenhäusern untergebrachten Kindern nicht elternlos und /oder adoptionsbedürftig sind.

Mythos – Ein Kind, das aus einem anderen kulturellen Umfeld stammt, eignet sich hier mit etwas Unterstützung leicht eine neue kulturelle Identität an:

http://inwritingmotherhood.blogspot.com/2011/01/race-and-adoption-who-do-we-think-we.html

Dieses Post zeigt, warum das nicht so einfach ist.

Mythos – International adoptierte Kinder sind auf jeden Fall dankbar hier aufzuwachsen und haben es (wo auch immer) besser als in ihrem Heimatland. Die meisten  vermissen auch ihre Herkunftsmutter nicht, da sie sie nie gekannt haben:

http://johnraible.wordpress.com/better-off-better-smile-video/why-adoption-hurts/

Hier zeigt sich das genaue Gegenteil.

Mythos – Wir leben in einer toleranten Gesellschaft. Fragen von „Rasse“ stellen sich nicht in größerem Umfang.

http://loveisntenough.com/2011/06/20/putting-the-white-in-multiculturalism/

Hier zeigt sich, dass die Überlegung, es bestünden keine größeren Schwierigkeiten im Zusammenfügen verschiedener kultureller Konzepte zu einem funktionierenden Ganzen, häufig zu gänzlich unerwünschten Resultaten führt.

Allen diesen Themenbereichen mit kritischer Aufmerksamkeit zu begegnen und für sich eine Position dazu zu finden, die sich mit dem Lebenslauf des Kindes relativieren und entwickeln kann, gehört zu den Aufgaben von Eltern, die adoptierte Kinder begleiten.

Leider ergibt sich im öffentlichen Diskurs in „Adoptionland“ wenig Raum für solche Fragestellungen.

Einer der Gründe dafür scheint mir zu sein, dass der reiche Erfahrungsschatz erwachsener Adoptierter sehr wenig genutzt wird. Mit dem Schlagwort „angry adoptee“ werden solche Stimmen einsortiert, die sich aus der Perspektive des Erwachsenseins weder dankbar noch fröhlich noch angepasst über die Tatsache ihres Adoptiertseins äußern, sondern bei einer Grundaussage bleiben:

„Adoption Hurts“.

Die meisten, die länger mit adoptierten Kindern zusammenleben, werden das nicht bestreiten. Im Stillen jedenfalls. Wird es allerdings öffentlich gesagt, so folgt meist sofort ein Dementi.

Nun gehört es aber auch in den Bereich der Mythen, dass die Mehrzahl der kritischen oder zornigen erwachsenen Adoptierten deswegen, weil Adoption weh tut, die Institution der Adoption als solche ablehnen würden (und auch die Mütter, die zu dieser Ansicht gekommen sind, tun das nicht -cf. Abschnitt: „I also know this“).

Manche erwachsenen Adoptierten haben zwar für sich die Entscheidung getroffen, Adoption prinzipiell ablehnen zu müssen. Nicht wenige andere  bemühen sich jedoch darum, in einer differenzierten Herangehensweise Sichtweisen zu eröffnen, die nach dem Zorn Wege in eine gelingende Integration des Adoptiertsein in den eigenen Lebenslauf zu ermöglichen. Ein Beispiel dafür bietet in der letzten Zeit Von, die in einem sehr bewegenden Artikel zeigt, wie wenig sich Sterotypen und vorgefasste Meinungen mit ihrer Erfahrung vereinbaren lassen – nur um nach kurzer Zeit mit dem Vorwurf von einem anonymen erwachsenen Adoptierten konfrontiert zu sein, sie habe die „Seiten gewechselt“ und sei jetzt „Pro Adoption“.

Eine andere Personengruppe, das gleiche Thema, der gleiche Mechanismus:

Man ist dafür oder dagegen, ein Dazwischen gibt es nicht.

Kein Mensch wird von erwachsenen Adoptierten erwarten können, dass sie sich sozusagen pädagogisch um die Belange von Adoptivfamilien kümmern. Sicher ist aber auch, dass es im Interesse der heutigen Kinder liegt, den Erfahrungsschatz der Älteren zu nutzen. Dabei liegt es in der Natur der Sache, dass es im Kinderalter die Eltern sind, die lernen werden, und grundsätzlich lernt man lieber dort, wo man nicht per Rollenfunktion („Adopter“) angegriffen oder diskreditiert wird (als „Buyer“ beispielsweise).

Allerdings hat auch das, wie nun halt einmal fast alles, eine andere Seite: Die Kehrseite der Ungeduld mit uns so genannten „Adoptierern“ ist eine Vielzahl von öffentlichen Äußerungen von zukünftigen Eltern, die jedem anständigen Menschen die Schamesröte ins Gesicht treiben. Ein anonymes Blog sammelt solche Äußerungen – sicher nicht mit der Absicht, eine freundliche Unterhaltung zu eröffnen; ignorieren muss man sie deshalb aber nicht.

Die Rudelbildung jedenfalls scheint der gemeinsame Nenner hinter den Mechanismen von „für und gegen“ zu sein. In der ursprünglichen Definition benötigt sie einen Schiedsrichter, aufgrund von dessen Entscheidung sie erst beginnt. Wer ist der Schiedsrichter in „Adoptionsland“? Die öffentliche Meinung? Die Lobbies und Lobbyisten? Das eigene Gewissen?

Eine Kultur des Gesprächs und des Austauschs wäre sicher nützlicher.

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