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Zehn Dinge, die ich gerne gewusst hätte

April 19, 2011

bevor ich Mutter zweier Schwarzer Jungs in Deutschland wurde:

1. Es gibt in der Tat gewalttätigen, einfachen und angsteinflössenden Straßenrassismus, vor dem Menschen Angst haben und der sogar bei denen, denen nur darüber berichtet und erzählt wird, ein tiefes Gefühl von unbestimmter Angst und Bedrohung zurücklässt.

2. Wer von Menschen einer Generation erzogen wurde (oder selbst zu einer Generation gehört), die es sich zum Prinzip gemacht hat, Kindern, die irgendwie anders sind, in Erziehungsinstitutionen mit besonderer Vorsicht und Schonung zu begegnen, hat eher schlechte Ausgangsbedingungen,wenn es darum geht, als Elternteil mögliche unangenehmen Handlungen und Einschätzungen im Rahmen der Betreuung in solchen Institutionen zu antizipieren. Vertrauen in die Toleranz und Umsicht anderer ist gut, Nachfragen sind besser. Die Frage, was jemand tun würde, wenn ein anderes Kind/ Eltern/ Außenstehende sich (beliebiges Beispiel)…. , ist nie unangebracht, wenn es darum geht, das eigene Kind gut aufgehoben zu wissen.

3. Von sich aus sprechen die meisten Kinder eher  selten über Erfahrungen mit unangemessenen Reaktionen, die im Zusammenhang mit ihrem Minderheitenstatus stehen. Weil sie am liebsten nicht auffallen möchten, würden sie lieber alles schnell vergessen, was sie exponiert hat.

4. Es kann in der Praxis in alltäglichen kleinen Situationen unendlich schwierig sein, ein Verhältnis dazu zu entwickeln, was man selbst als „rassistisch“ empfindet und einschätzt. Leider ist es unmöglich, einem Kind ein kompetenter Gesprächspartner zu sein, wenn man selbst dieses Thema für sich am liebsten ausklammern würde.

Mit dem Versuch, die Grundregel der Kommunikation, dass der Empfänger den Gehalt der Nachricht bestimme, zu beachten, fiel mir zuerst auf: Ein und die selbe Äußerung kann, je nach Absicht und Kontext, ebenso gut rassistisch sein und gar nicht rassistisch. Beispielsweise ist die Bemerkung, dass äthiopische Jungs eben alle gute Läufer sind, mit Sicherheit eine unzulässige Generalisierung und legt körperliche Merkmale zugrunde, um eine individuelle Leistung zu bewerten – zwei wichtige Kriterien dafür, als rassistisch gelten zu können. Wenn sie jedoch aus dem Mund eines äthiopischen Freundes kommt, ist sie mit Sicherheit nicht verletzend gemeint und auch objektiv viel weniger  verletzend als eine Bemerkung etwa des Inhalts, die „langen Beine“ seien für das gute Ergebnis beim Laufen verantworlich (und nicht die Anstrengung oder Leistung). Dies bedeutet aber, dass der Achtsamkeitsradar im Alltag erheblich früher anspringen müsste als in einem unbelasteten Kontext, wenn man derartige Äußerungen für sich bewertet sehen möchte, was einen kleinen Einblick gibt, wie achtsam die Kinder wohl dauernd gestimmt sind.

5. Alle Sportverbände haben antirassistische Grundregeln; sie sind dahingehend die progressivsten Institutionen, die ich kenne. Belegt jemand auf dem Feld oder im Publikum einen anderen mit einem unangemessenen Begriff, der sich auf seine ethnische Herkunft bezieht, droht der gesamten Mannschaft eine Sperre.

Mir imponiert das; es ist nicht nur eine klare Regelung, sondern auch eine mit Signalcharakter, auf die man sich jederzeit beziehen kann.

6. Leider führen solche Bestimmungen bei einem Teil der Mehrheitsangehörigen weniger zu Genugtuung als zu einem unbestimmten Gefühl der Benachteiligung; ich habe öfter in diesem Zusammenhang gehört, man „dürfe ja gar nichts mehr sagen“ und „alles sei ja übertrieben verboten“, was dann darauf schließen lässt, wes Geistes Kind nonverbal den Umgang bestimmt.

7. Es gibt einen Unterschied in der Manifestation rassistischer Verhaltensweisen gegenüber Schwarzen und Angehörigen anderer Minderheiten. Mein persönlicher Eindruck dazu ist, dass sich -auch vielen ganz untershciedlichen Gründen – Angehörige anderer Minderheiten viel nachhaltiger selbst definiert und organisiert haben und eine viel klarere Botschaft vermitteln, wie sie gesehen werden möchten. Meinem Empfinden nach ist umgekehrt von der Mehrheitsseite her gerade bei Menschen mit einem afrikanischen Hintergrund über einen recht langen Zeitraum hinweg eher als angemessenes Verhalten betrachtet worden, Verschiedenheit zu ignorieren, um nicht unhöflich zu wirken. Das kann in manchen Situationen relativ grotesk wirken:

Und die zeigen beispielhaft, wie schwer ein achtsamer Umgang mit dem Thema „Verschiedenheit“ für uns Eltern sein kann. Wenn ich es geradezu absurd finde, wenn andere erwachsene Menschen behaupten, sie würden meinen Kindern überhaupt nicht anders begegnen als anderen Kindern, sie nähmen die Hautfarbe überhaupt nicht als solche wahr, so bestimmt nicht, weil ich die gute Grundeinstellung dahinter in Zweifel ziehe und mir das unrecht wäre. Wünsche ich mir, es wäre gar nicht nötig, so etwas gesprächsweise immer wieder zu betonen, oder wünsche ich mir, es wäre im Gegenteil möglich, sich unbefangen darüber zu unterhalten, wie verschieden die Kinder doch sind? Oder wäre mir das dann auch nicht recht? Am Ende soll es ohnehin dem Kind selbst überlassen bleiben, wie es den Umgang mit den betreffenden Freunden und Bekannten für sich wertet – und vielleicht sollte  ich mich als Bezugsperson hier gar nicht einklinken – alleine mein Hängenbleiben an solchen Situationen zeigt mir  aber schon, wie verkrampft sich mancher einfach wirkender alltäglicher Umgang für die Kinder  im Untergrund gestaltet haben mag. –

8. Eine ganz plakative Faustregel, die sich im Alltag schon so oft bestätigt hat, dass ich es kaum zählen mag: Diejenigen, die von sich im Konfliktfall am lautesten behaupten, sie machten in der Beurteilung anderer keinen Unterschied wegen der Hautfarbe, haben den Unterschied todsicher schon lange gemacht.

9. Den Stolz auf die äthiopische Herkunft zu pflegen mag eine gute Sache sein, aber auch trügerische Sicherheit vermitteln: Er trägt nur so lange, wie die Umwelt diese Herkunft kennt, also das Kind kennt und damit bereit ist, es als Mensch differenziert wahrzunehmen. In einem fremden und ganz unbekannten  Kontext ist das Kind ein schwarzes Kind in Deutschland.

10. Früher wären mir tausend Antworten auf die Frage eingefallen, was ich meinen Kindern am meisten wünsche. Ich hätte nie gedacht, dass die Standardantwort heute sein würde: Dass sie mal wieder ganz ungezwungen unter ganz vielen Schwarzen Menschen sein können. Und dies, ohne dass irgend etwas besonderes vorgefallen ist, und schon gar nichts Schlimmes.

(Nachtrag: Mir ist es aufgrund einer Leserzuschrift ein Anliegen zu betonen, dass wir als Familie in unserem Alltag in einer äußerst freundlichen und wohlwollenden Umgebung leben. Wir verlassen jedoch hin und wieder unser Stammesgebiet.)

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