Skip to content

Wespennester

März 26, 2011

Unverkennbar hatte ich in ein solches gestochen, als ich hier an dieser Stelle einen Spendenaufruf der Organisation Against Child Trafficking veröffentlicht habe – zwei Reaktionen darauf waren von einer Qualität, die mich veranlasst hat, dieses Blog für einige Tage zu schließen und die mich hat fragen lassen, weshalb ich überhaupt noch  Zeit hineinstecke. Gerade als ich beschlossen hatte, mich nicht mehr weiter darum zu kümmern, musste ich bemerken, dass wohl hinter der Leserreaktion  doch mehr stand als das Missfallen an meiner Veröffentlichungspolitik. Ich schließe das daraus, dass sich auch die Seite „Ethische Adoptionen“ jüngst mit dem Thema ACT beschäftigt hat.

Ein „ideologischer Kampf um Adoptionen“ sei entbrannt, meinen die Verfasser des Statements mit dem  Titel „Der Kampf um Adoptionen“, welcher gestern auf der website „Ethische Adoptionen“ erschien, und sie führen als Beleg dafür widersprüchliche  Aktionen zweier „Lager“ an, welche sich mit Lobbyarbeit pro Adoption und Kampagnen zu deren Einstellung gegenüberstehen.

Bedauerlicherweise stehe, „was für verlassene Kinder in armen Ländern das Beste [sei],  dabei selten im Zentrum der Debatte.“

In dieser Situation wollen die Betreiber der Website  „belastbare Informationen“  bereithalten und sich nicht   an Kampagnen beteiligen.

Leider trägt dieser Beitrag  jedoch nicht zur Versachlichung bei und auch nicht dazu, den als Desiderat beschriebenen Raum zu schaffen, in dem sachlich Argumente ausgetauscht werden können.

Wenn die Interessen der bedürftigen Kinder im Vordergrund jeder Betrachtung stehen sollen – worin wohl allgemeine Einigkeit besteht –

dann ist zunächst die Gruppe der bedürftigen Kinder zu beschreiben.

Die Interessenvertretung der Amerikanischen Adoptionsagenturen hat errechnet, dass es insgesamt fünf Millionen bedürftige Waisenkinder in Äthiopien gibt. Aus dieser Gruppe hat  ein Anteil von o,o1% durch internationale Adoption eine Verbesserung ihrer Situation durch Adoption zu erwarten. („At present, intercountry adoption only serves .001 percent of all orphaned children in Ethiopia. This fraction of a percentage, while rising, is not disproportionate to the number of children in need.“) Demzufolge ist es eines,  über Möglichkeiten internationaler Adoption zu sprechen, und ein anderes, über elende Verhältnisse in Heimen des Heimatlandes der Kinder und über elende Verhältnisse dort überhaupt. So sehr ich die Möglichkeiten der internationalen Adoption befürworte, so unpassend finde ich es, sie wie  ein Instrument der Sozialarbeit zu behandeln. Internationale Adoption hilft in begründeten Einzelfällen, lindert aber nicht Kinderelend.

„Angesichts der Not vieler Kinder ist es schwer, vernünftige Gründe für ihren Verbleib in schwierigen Verhältnissen zu akzeptieren.“ – dieser Äußerung kann man nur beipflichten. Als das Argument von Adoptionsbefürwortern, als das sie angeführt wird, („Befürworter hingegen verweisen auf die elenden Bedingungen in Heimen in Entwicklungsländern, die materielle Not und die schlechte medizinische Versorgung von kranken Kindern.“) taugt sie nur sehr bedingt oder gar nicht. Die kranken Kinder, die unter elenden Bedingungen in Heimen leben, sind es eben gerade nicht, die mehrheitlich ins Ausland adoptiert werden.

Es ist also nicht sauber argumentiert, wenn man Kinderelend im Allgemeinen als Begründung für Adoption im Besonderen anführt (auch wenn das genau so Frau Professor Elisabeth Bartholet tut) oder beides in einen Kontext stellt, in dem dieser Zusammenhang implizit nahe gelegt wird.

Man muss aus alledem keineswegs  den Schluss ziehen, Einzelfallhilfe sei  wenig wert. Allerdings sollten sich Adoptionsbefürworter, die ihr Handeln  als Linderung von Elend deklarieren  möchten, durchaus an ihren Taten messen lassen. Meiner Erfahrung nach ist der Anteil derjenigen, die nachhaltig etwas zum Aufbau besserer Strukturen für die daheim gebliebenen, nicht adoptierten Kinder beitragen, nicht  gerade überwältigend groß.

Wenn auf der anderen Seite die Institutionen wie Kinderheime und Adoptionsagenturen, die eigentlich zum Helfen in Einzelfällen taugen sollten,  für korrupte Machenschaften missbraucht werden und eigentlich nicht Hilfsbedürftige plötzlich auf unredlichen Wegen in diese Strukturen gelangen, treten Kritiker der Adoption auf den Plan. Und das nicht zu Unrecht. Sie haben ein schlagendes Argument auf ihrer Seite:  So lange an Adoptionen verdient wird, sowohl in den bitter armen Herkunftsländern als auch den Aufnahmeländern, schafft das Anreize zur Korruption und Gier. So lange nicht gezielt und entschieden darauf hingearbeitet wird, kommerzielle Anreize gänzlich aus dem Adoptionsgeschehen herauszunehmen, werden sich immer einzelne Stimmen finden, die Adoption in die Nähe von Kinderhandel rücken. Diese Stimmen verstören gerade auch Familien mit adoptierten Kindern um so mehr, desto berechtigter und überprüfbarer – der Sache nach – einzelne Vorwürfe sind, die sie erheben. Es hilft dabei wenig weiter,  die Form der Präsentation zu beanstanden, die  „skandalisiere“ und   die „Not unglücklicher Familien ausnütze“. Ich persönlich würde gerne lieber auf die Sachen selbst sehen.

Ich habe als Betreiberin dieses Blogs anläßlich einer Re-Publikation eines Spendenaufrufs der  insbesondere kritisierten Organisation „Against Child Trafficking“ an einigen Leserzuschriften bemerkt, dass allein die Nennung dieses Namens schon zu erheblichen Affekten führen kann  – die Sache, für die ich mich damit eingesetzt habe, hat  dabei  nicht weiter interessiert.

Mich hat das insofern erstaunt, als dass der vor einigen Wochen hier eingestellte Link zu der von der gleichen Organisation erstellten Studie über Äthiopien doch erheblich häufiger angeklickt wurde als vieles andere.  Wenn die Materialien dieser Organisation also gelesen werden und als profund recherchiert und ordentlich belegt gelten (wovon ich im Moment ausgehe), dann spricht in meinen Augen einiges dafür, sich mit diesen Inhalten auseinanderzusetzen. Dazu muss man keine „Koalition bilden“; jedenfalls gilt das dann, wenn man sich nicht unter das Joch eines ideologischen  Lagerdenkens einspannen lassen möchte.  Ich weigere mich entschieden, das zu tun.

Der Zusammenhang, in dem diese Debatte geführt wird, heißt „Ethik in der Adioption/ Ethische Adoption“. Allein diese Wortfügung verdeutlicht, dass es auch unethische Adoptionen gibt und dass ein erheblicher Reformbedarf für das adoptionswesen insgesamt besteht. Sich darauf zu konzentrieren, an welchen Stellen dieser ansetzen muss, dazu braucht es profunde Information. Man mag die Art und Weise beklagen und kritisieren, mit der die Organisation ACT ihre Informationen unter die Menschen bringt – sollte dabei aber gleichzeitig nicht vergessen, wie viele der beklagenswerten Umstände im Adoptionswesen, die keiner so braucht und möchte, von Agenturen verheimlicht, von Ämtern heruntergespielt und allgemein verharmlost wurden – bis dann das sprichwörtliche Kind in den sprichwörtlichen Brunnen gefallen war. In diesen Momenten dann will niemand etwas gewußt haben.

Zuletzt möchte ich – im Interesse eines Perspektivwechsels – davon berichten, dass ich derzeit immer wieder neue Nachrichten aus Äthiopien erhalte, die von einer Preissteigerung von etwa 250% (!) bis zum Ende des Jahres ausgehen. Familien, die in guten Umständen arbeiten, können außer den lebensnotwendigsten Nahrungsmitteln kaum noch etwas kaufen und leiden Mangel. Die Armen haben kaum noch ihr Shiro zum Injera. Gerade unter diesen Umständen ist es für viele Menschen nicht ganz  einfach zu verstehen, wenn zahlreiche Amerikaner und Europäer  anreisen, Adoptivkinder mitnehmen und auf dem schnellsten Weg wieder verschwinden. Zunehmend bezeichnen auch viele Äthiopier deshalb selbst Adoption insgesamt als Kinderhandel, während früher immer wieder eher die Freude für die einzelnen Kinder, welche gute Familien gefunden hatten, zu spüren war.

An dieser Stelle ergibt sich wiederum ein ganz anderer Blickwinkel auf Adoption, der für mich persönlich auch etwas mit Kampf zu tun hat, einem Kampf, der aber gänzlich unideologisch geführt wird:  Nämlich um eine innere Haltung dazu, wie ich es vertreten kann, meinen eigenen Kindern hier ein gutes Leben zu bieten und gleichzeitig dabei ihre Brüder und Schwestern, Freunde und Verwandte im Zustand nahe des Hungers zu wissen. Eine der in meinen Augen wirklich beklagenswerten Defizite in der öffentlichen Diskussion besteht nämlich gerade darin, dass sehr viele der äthiopischen „Waisen“ lebende Familienangehörige haben. Wie geht man mit diesem Umstand um? Das ist die Frage, die mich umtreibt.

Und hier, so finde ich jedenfalls, liegt die eigentliche Fragestellung nach der Ethik in der internationalen Adoption.

No comments yet

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: