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Attribuierungen: Was verbindet ein äthiopisches Kind mit Kevin?

Februar 11, 2011

„Ungerechte Grundschullehrer“

Unter dieser Überschrift erschien vor zwei Jahren, wie auch in diversen anderen Zeitschriften, im Spiegel eine Reportage über eine Abschlussarbeit einer Pädagogik- Studentin, die sich mit der Korrelation von Vornamen und Schulerfolg in der Grundschule befasste. Der Untertitel dieses Artikels,

„Kevin ist kein Name, sondern eine Diagnose“

(Von Oliver Trenkamp)

hat sich  mittlerweile als geflügeltes Wort eingebürgert.

Ein kurzer Auszug aus dem Spiegel-Artikel:

  • […]
  • Die Studie ist die Master-Arbeit von Lehramtsabsolventin Julia Kube, 24. Sie hat 2000 Lehrer online zu ihren Namensvorlieben und den zugehörigen Assoziationen befragt. Darunter Fragen wie: Welche Vornamen würden Sie Ihrem Kind auf keinen Fall geben? Nennen Sie Namen, die bei Ihnen Assoziationen zu „Verhaltensauffälligkeit“ hervorrufen! In einem zweiten Schritt ließ Kube die Lehrer dann vorgegebene Namen bewerten.
  • Ausgewertet hat sie schließlich die Antworten von insgesamt 500 Grundschullehrern und kommt zu dem Schluss: Die meisten haben Vorurteile und hinterfragen sie kaum. „94 Prozent der Grundschullehrer gehen unreflektiert mit den eigenen Vorurteilen um“, sagt sie. Sie seien der Meinung, aus der Erfahrung heraus bewerten zu können, dass Kinder mit bestimmten Namen eher aus der Unterschicht kommen, weniger leistungsstark und verhaltensauffälliger sind. Nur ein geringer Anteil nehme eine kritische Haltung den eigenen Vorurteilen gegenüber ein und warne vor Pauschalisierung.
  • […] Doch die Höchststrafe für Kinder lautet nach Ansicht der Grundschulpädagogen Kevin. Er führt die Rangliste der unbeliebten Namen an, gilt als verhaltensauffällig und leistungsschwach. Eine befragte Lehrerin kommentierte: „Kevin ist kein Name, sondern eine Diagnose.“

Natürlich sind die Mechanismen, die hinter dieser Attributierung stehen, lange bekannt:

Ein Klassiker in der Psychologie sind die Studien über die unmittelbare Zunahme von Schulerfolg solcher Schüler, die den Lehrern von Autoritäten als „bloomers„, als besonders begabte Lerner, vorgestellt wurden – ohne sich irgendwie tatsächlich von ihren Klassenkameraden zu unterscheiden.

Der sogenannte Pygmalioneffekt, so besagen einige Studien, beeinflussen gerade den Schulerfolg von Kindern mit Migrationshintergrund nachhaltig:

„Im Sinne einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung wirkt sich das Nichtwahrnehmen der Fähigkeit der Kinder durch die Lehrperson und das zu tiefe Ansetzen der Leistungserwartung im Verhältnis zu den tatsächlichen Fähigkeiten der Kinder im negativen Sinne auf ihre Schulleistung aus.“ (a.a.O/ Link, S. 27)

Eltern von äthiopischen Kindern im Kindergartenalter können ihre Kinder noch vor solchen Projektionen schützen; im Kindergarten geht es nicht vorrangig um intellektuelle Leistung. Und sie werden es im Übrigen kaum für möglich halten, dass eine vorschnelle Einsortierung in die Kategorie: „schwarz/ adoptiert/ = begabungsmäßig problematisch“ je ihren Kindern widerfahren wird.

Erstens glaubt man an die Vorurteilslosigkeit seiner Mitmenschen. Zweitens gehört man selbst nicht zu einer gesellschaftlichen Randgruppe  – meist gerade im Gegenteil – und erwartet, eigenes gesellschaftliches Prestige übertrage sich  auf die Kinder.

Leicht gerät dabei in Vergessenheit, sich und sein Kind und beide zusammen einzustellen und vorzubereiten:

Auf die Bequemlichkeit vieler Menschen, die es, gemäß einem bekannten Sprichwort,  leichter finden zu urteilen, als wahrzunehmen und zu denken.

Kann man sich denn vorbereiten? Ich meine, ja – aber zunächst wäre wirklich anzuerkennen, dass man Vorbereitung braucht.

Wenn man Glück hat, begegnet man verständnisvollen und aufgeschlossenen Lehrern, die das Kind nach seinen Möglichkeiten und seinem Potential anschauen, das Beste von ihm erwarten und es wohlwollend begleiten. Eine Garantie dafür gibt es leider nicht. Und in diesem Sinne:

Gute Vorbereitung! – Wie sie aussehen kann, darüber mehr bald hier an dieser Stelle.

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