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Bindung – Ältere Kinder

Februar 28, 2010

Viele ältere Kinder aus Äthiopien sind abgegeben worden und haben einen Beziehungsabbruch hinter sich, der sie so verstört zurück lassen muss, dass schon distanziertes Rekapitulieren der Umstände dem Außenstehenden fast das Herz zerreißt. Es gibt so viele Arten des Abschieds wie erste Familien: Die Lüge, das Kind werde in eine Schule geschickt; die Botschaft: Du bist hier nicht mehr willkommen; die Aussage: Ich kann dich nicht mehr ernähren; der herzzerreißende zeremonielle Abschied der kranken, manchmal todgeweihten Eltern. Es folgt eine Unterbringung in einem Heim und dann in einem anderen und vielleicht einem dritten. Dann die Information, man habe das große Los gezogen – man habe Eltern in Deutschland.
Viele Kinder werden dort den Abschied nicht mehr thematisieren wollen – oder gegebenenfalls den Hinauswurf, als den sie ihre Abgabe verstehen.
Mein Verdacht war allerdings hin und wieder, dass manche davon aus Rücksicht auf die neuen Eltern schweigen, über die sie sich ja ehrlichen Herzens freuen.
Manche agieren ihre Abgabesituation immer wieder aus. Sie suchen die Schuld für den Hinauswurf bei sich und jedes Fehlverhalten, das sie mit dieser Situation in Verbindung bringen, versetzt sie in den Zustand ohnmächtiger Wut: “Tausch mich doch um”_ “Such dir ein besseres Kind” – ganz ohne Not und völlig unverständlich kommen solche Ausbrüche als Konsequenz geringfügiger und freundlicher Zurechtweisung eruptiv. Manche haben ein “gute” und ein “schlechtes” Elternteil; einer “bezahlt” für das Leid, welches die erste Mutter/ der erste Vater zugefügt hat.
All dieses Ausagieren ist geradezu das Gegenteil von Bindungsstörung. Es ist Zeichen einer unglaublichen Kränkung und der Hoffnung, sie irgendwann aushalten zu können, wenn die Situation nur oft genug nachgespielt wurde. Zugrunde liegt diese Hoffnung jeder einzelnen Verzweiflungsattacke und jedem Versuch, die Mutter oder den Vater mit dem Elend zu konfrontieren.
Wenige Kinder aus Äthiopien, die nach Deutschland kommen, haben eine lange und belastende “Heimkarriere” hinter sich, die ihre erste Familie hat in Vergessenheit geraten lassen beziehungsweise ihnen altersentsprechend die Möglichkeit der Erinnerung nicht gelassen hat. An wirklichen “Heimschäden” wie Distanzlosigkeit oder fürchterliche Zwangshandlungen brauchen sie deshalb nicht zu leiden. Vernachlässigung jedoch haben sie erfahren, und das muss wettgemacht werden.
Was aber können die neuen Eltern anbieten, um den Kindern ein Weiterleben in Frieden mit sich und ihrer Situation zu ermöglichen?

Hier einige Tipps:
– eine besondere Stärke des Kindes besonders fördern.
Jeder braucht etwas, das er gut kann. Wer aus seinem Lebenszusammenhang gewaltsam herausgerissen wurde und dann wie ein Idiot vor tausend neuen Anforderungen und Ansprüchen steht, braucht einen Rückzugsraum der Stärke und Kompetenz nötiger als alles andere.
-Struktur, und besonders regelmäßiges Essen
Liebe geht (bei Kindern) über den Magen; und ihre besonderen Bedürfnisse beim Essen zu würdigen vermittelt eine “Bemutterungs”-situation. Konkret: Die Kinder sind vermutlich nicht auf gesunde Ernährung gepolt, haben merkwürdige Essgewohnheiten und vielleicht horten sie auch Nahrung. Hier elterlicherseits unmittelbar missionarisch tätig werden zu wollen nimmt ihnen vielleicht den letzten Rest an Trost und Stabilisierung. Soweit die Kinder nicht akut esgestört sind, ist es kein Fehler, sie einfach zu lassen und nicht an ihnen herumzukritisieren – unfähig fühlen sie sich schon genug. Wenn die Familie regelmäßig gemeinsam ihre Mahlzeiten einnimmt, dann gewöhnen sie sich im Laufe der Zeit von ganz allein an die familiären Gewohnheiten.
– EInfache Beschäftigungen und Spiele finden. Die Kinder haben mit einfachsten Spielsachen gespielt, oft selbstgebastelten. Sich mit ihnen damit zu beschäftigen bringt mehr Gemeinsamkeit als sie mit vielen neuen Dingen zu frustrieren, so gut gemeint die auch sein mögen. Es kann ohne Weiteres zwei oder drei Jahre dauern, bis ein Kind sich mit altersgerechtem Spielzeug länger beschäftigen kann und dies meist nur durch Altersgenossen vermittelt.
– Für gute Freunde sorgen. Die Kinder sind “offene Türen” gewöhnt.
– Auch ältere Kinder im elterlichen Bett schlafen lassen. Wer an schrecklichen Albträumen leidet, braucht den Trost der Eltern sofort und nicht am nächsten Morgen. Die meisten Kinder haben Albträume bei der Ankunft.
– Gemeinsam gehen/ laufen/ wandern. Bewegung beruhigt und gemeinsames Umherschauen in Bewegung bietet viele Gelegenheiten zur Kontaktaufnahme.
-Gemeinsam Haushaltspflichten erledigen. Die Kinder sind ab drei Jahren gewohnt zu Arbeiten herangezogen zu werden und brauchen die Würdigung ihrer Anwesenheit in der Familie auch in ihrer Funktion als “Arbeitskraft” (natürlich im Kleinen; hier wird man eher bremsen müssen).
Zauberbindemittel für alle Fälle: Lachen! – auch und gerade wenn es Stress gibt! Albernheiten haben schon viele “gefährliche” Entwicklungen ins Positive abgebogen.

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