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Betyie

Februar 27, 2010

at home

Hier sind Geschichten und  aus dem deutsch-äthiopischen Leben  ebensolcher Familien gesammelt, sowie Beiträge zu den Themen

Ethik in internationaler Adoption

Verschiedene Ansätze zur Reform des internationalen Adoptionswesens

Offene Adoption

Umgang mit der Herkunftsfamilie der Kinder

Bewahrung der ethnischen Identität in bikulturellen Familien

Besondere Herausforderungen bei der Adoption älterer Kinder

Umgang mit Diskriminierung und Rassismus in Deutschland.

Bei Interesse an einer Adoption, einer internationalen Adoption oder einer Adoption aus Äthiopien  kann man hier erste Informationen und Eindrücke aus der Sicht von Eltern gewinnen.

Erfahrene Eltern finden hier vielleicht ebenfalls die ein oder andere Anregung.

Dieses Blog lag (Stand Mitte Juni 2012) ein ganzes Jahr lang still. Derzeit werden Beiträge aus anderen Formaten ergänzt.  Derzeit liegt ein Schwerpunkt auf dem Thema „Möglichkeiten der Reform der Internationalen Adoption“.

Disclaimer:

Wir drucken keinerlei Bilder, Namen oder Daten von Kindern ab, die zur Adoption freigegeben wurden oder hier als Adoptivkinder leben.Beiträge, die uns Bekannte überlassen, werden von uns überarbeitet und anonymisiert.Wir wollen und können keine Einschätzung oder gar Empfehlungen bezüglich der Arbeit von Vermittlungsstellen geben, da wir keinerlei Kenntnis über deren aktuelle Modalitäten haben.Hinweise auf Artikel anderer Autoren, in welcher Form auch immer sie vorliegen (Zeitung, Blog, Mail … ) verstehen sich als Zitat (im strengen Sinn) und sind jeweils so gekennzeichnet. Auf Inhalte von Links oder verlinkten Seiten haben wir keinen Einfluss.

Post ist willkommen an: Betyie@web.de

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The Heartache of Another Adoptee Suicide: Rest in Peace, Kaleab Schmidt

Mai 4, 2018

Meine Gedanken sind bei der Familie, die ihr Kind verloren hat, und bei all denen, die um den Jungen trauern,

Light of Day Stories

On April 30, just three days ago, Kaleab Schmidt ended his life. He was 13. He was an Ethiopian adoptee. May he rest in peace and in power. May his family, his adoptive parents and his sisters, also adopted from Ethiopia, find healing and consolation.

Before I go on, I need to say that most adoptees do well. I do not want to pathologize adoptees in any way. I share this news with, I hope, respect for the family, for Kaleab, and for all those who struggle. We have to be able to acknowledge suicide, even as we long to prevent it.

Kaleab lived in the Canadian province of Saskatchewan, in the city of Regina. According to his obituary, he loved his family, played lots of sports, was on the honor roll at school, was great with pets. He looks, from his photo, like a beautiful young man who…

Ursprünglichen Post anzeigen 288 weitere Wörter

Borderline-Gesellschaft

April 27, 2018

Zu den Gemeinplätzen der Psychiatriegeschichte gehört es zu beschreiben, wie jede Epoche  „ihre“ typische psychische Erkrankung als Spiegel der gesellschaftlichen Gegebenheiten generiert.  Das Narrativ ist gleichursprünglich mit der Konstitution der Wissenschaft: Die  „Hysterikerinnen“ Freuds, deren Absenzen und Konvulsionen nicht nur als Merkmale der histrionischen Persönlichkeitsstörung, sondern auch als ein häßliches Symptom der Verleugnung von Physis in einer die Frauen entrechtender Zwangsordnung gemäß bürgerlicher Moralvorstellung gedeutet wurden, bilden seinen Anfang.
Mitsamt ihrer Symptomatik verschwanden sie als Patientengruppe mit dem Niedergang der Vorkriegsgesellschaften während der großen Weltwirtschaftskrisen.
Nach einer Zeit der Utopieentwürfe – von Skinners programmierter Gesellschaft bis zu den Bürgerrechtsbewegungen, Hippiekultur und Grassroot Movements –  generierte die Gesellschaft der Postmoderne – paradoxerweise gerade im Beharren ihrer Intellektuellen auf der Inkommensurabilität von Deutungsmustern – das in sich geschlossene Konzept der Borderline-Persönlichkeitsstörung als Spiegel , aber nur, um es sofort wieder an die Psychiatrie zurückzuverweisen.
Am Ende der 80-er oder zu Beginn der 90-er Jahre muss mir ein Essay begegnet sein, das erstmals die Verbindung zwischen den zunehmenden Borderline-Diagnosen mit bestimmten gesellschaftlichen Entwicklungen thematisierte. Wiederfinden konnte ich es nicht mehr. Auf der Suche danach – ich hatte in Erinnerung, es hätte von Susan Sontag geschrieben sein können – bin ich immerhin ihrer Beschreibung dessen begegnet, was man außerhalb intellektueller Kompliziertheit über die gesellschaftliche Wirklichkeit der Postmoderne zu wissen glaubt:
„One set of messages of the society we live in is: Consume. Grow. Do what you want. Amuse yourselves. The very working of this economic system, which has bestowed these unprecedented liberties, most cherished in the form of physical mobility and material prosperity, depends on encouraging people to defy limits.“ (Illness as a metaphor and AIDS as a metaphor).

Im Gegensatz dazu stehe das moralisierende Bestreben, die Krankheit AIDS als eine Warnung vor eben diesen Tendenzen interpretieren zu müssen, eine metaphorische Warnung vor unwägbaren drohenden Katastrophen, die durch immer neue Angeboten an immer mehr Sicherheit das auf Konsum basierende System weiter befeuert.
Hier formuliert von einer Autorin, die sich ausdrücklich gegen die Inanspruchnahme von Krankheit als Metapher verwahrt, finden sich fast identische Beschreibungen des Zustands der zeitgenössischen Wirklichkeit in Studien zur Psychopathologie, die diese Welterfahrung sowohl  strukturell verwandt als auch als ursächlich für die krankheitswertigen Borderline-Symptome betrachten:
„But, above all, through these aspects, the triumph of the sense of fleeting, of the ephemeral, and of the fragmentary, as expressions of the contingent, creates favourableconditions to the birth of a sense of discontinuity in the experience of the self.“ (A.M.Ferraro et.al., Journal of Psychopathology, 2016;22:229-235 , p. 222)
Die Nötigung, Individualisierung stärker zu gewichten als die Einbindung in Beziehung und Gruppe, erzeuge mit der Vereinzelung nicht nur ein Gefühl der Vereinsamung, sondern in ihrer Fixiertheit auf momentane Selbst- Verwirklichung eine nie enden wollende Flut von Konsum. Denn die Begehrlichkeiten wechseln so schnell wie die glücksversprechende Bilder, die Medien und einfache Ideologien verbreiten; sie wechseln, weil andere Bilder, Identität stiftende und Identität stützende Elemente von Nomos, fehlen – und fehlen sollen. (Anneliese Dörr et al: Rethinking Borderline Personality Disorder in our society from a philosophical and sociological perspective, Actas Esp Psiquiatr 2012;40(Suppl. 2):29-34, p. 33)
Gleichzeitig hinterlässt die fehlende Konstanz in Beziehungen Verlassenheitsängste, die manchen gerade als Kern der Borderline-Erkrankung gelten: Vernachlässigung und wiederholte traumatische Erfahrungen mit den primären Bezugspersonen sollen einer der Hauptfaktoren bei der Entstehung der Krankheit sein. Formuliert als Selbstdiagnose:
„What, I ask, drives me to disorder? How can I diagnose myself? All I feel, most immediately, is the most anguished need for physical love and mental companionship -”
 (Susan Sontag, Reborn: Journals and Notebooks, 1947-1963)
Noch einmal: Weder bezeichnet sich Sontag als Borderline-Patientin, noch hat jemand, soweit ich es sehe, diese Diagnose an sie herangetragen, noch steht hinter der Selbstdiagnose eine Einladung, diese Brücke zu schlagen – im Gegenteil. Dennoch treffen und überschneiden sich diese Beschreibungen der Selbsterfahrung und die der Psychopathologie in einer Weise, die es auf Anhieb unverständlich erscheinen lässt, warum das Narrativ „Borderline-Gesellschaft“ wieder zu verschwinden scheint. Dies übrigens geschieht zugunsten der Beschreibung einer „Gesellschaft von Narzissten“.
Ein Narzisst definiert sich in Übereinstimmung mit seinem Größenselbst, einer ins Krankhafte übersteigerten Vorstellung von sich selbst, die er, teils durch übersteigerte Erwartungen seiner Umwelt, teils durch ein Gefühl fehlender Ich-Stärke, agieren lässt. Selbstüberschätzung und Abwertung von anderen ziehen machtorientiertes, manipulierendes Handeln nach sich. Man will Bewunderung um jeden Preis. Vor allem aber ist der Preis nicht nur der Verlust von Aufrichtigkeit und Scheiternkönnen, sondern auch Episoden harter Abstürze in tiefe Depression, wenn  subjektive Einflussnahme mit den Grenzen der realen Gegebenheiten kollidiert.

Der Vorteil dieses Konzepts ist seine Plakativität: Es ist so einfach, in jedem Protzen, in jedem Machtgehabe eine Pathologie zu sehen, die sich aus einem Mangel an echter Zuwendung und tragfähiger Liebe begründet. Habe ich mein Gegenüber in die Kategorie Narzisst einsortiert, dann ist es mir erlaubt, hinter meiner Verärgerung über Machtspiele Mitleid zu empfinden, die kleine und ungeliebte Kindheitspersona zu bedauern – und so die Balance wieder herzustellen, die gebraucht wird, um unangenehme Gefühle von Angst und Bedrohung zu verdrängen. Und: auf ihre Art gelten Narzissten als faszinierend, weil eloquent, auf ihre eigene, perfide Art einfühlsam – und vor allem erfolgreich. So fügt die Selbstdiagnose einer Gesellschaft kaum Schmerz zu; und auch die Scham hält sich in Grenzen. Denn wir sind uns bewusst, dass der Narzissmus in seinen Auswüchsen zwar abzulehnen ist, aber geradezu gezüchtet wird durch die Erwartungen, die wir erfolgsverliebt formulieren.

Kein Vergleich mit den existentiellen Ängsten, von denen im Umgang mit Borderlinern berichtet wird: Sogar vielen Psychiatern galten sie lange als die schwierigste Patientengruppe:

„Menschen mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung verunsichern das therapeutische Personal oft massiv: Kränkungen sind auszuhalten, Abwertungen, schnelle Wechsel von hohen Nähewünschen zu radikaler Distanz. Dazu spalten diese Patienten so manches therapeutische Team und verursachen dadurch weitere Konflikte.“(Ewald Rahn, Umgang mit Borderline Patienten, 2015)
Das Leiden am Konflikt allerdings ist ganz auf der Seite des Patienten: Im Gegensatz zum Narzissten, der an seinem Selbstkonzept nur in den seltenen Momenten des Scheiterns zweifeln muss, verzweifelt der Borderliner an dem Fehlen von Selbstbildern überhaupt. Weil seine Stimmungen und Befindlichkeiten auf unerklärliche Weise umschlagen, weil er seine Gefühle als Achterbahn erlebt, in der er gefangen bleibt, fehlt ihm jedes Selbstkonzept. Er leidet nicht nur an dem Ausgeliefertsein an, sondern auch an den Extremen in seinen Gefühlen; Hass und Liebe schlagen ineinander um wie Sehnsucht und Abwehr. Das entbehrt jeder Gefälligkeit, und es macht – das verdient Wiederholung – Angst.
Also zurück damit in den marginalisierten Bereich der gestörten Individuen, um die sich die Psychiatrie und  Ämter zu kümmern haben?
Die Versatzstücke dessen, was man als das „Schwarz-Weiß“-Denken und die Karusellfahrt von Idealisierungs- und Abwertung so gerne nicht bei sich sähe, begegnen uns im Alltag um so aufdringlicher.

Die traurige Figur des Vorsitzenden einer ehemals großen Partei zum Beispiel, der, ohne innenpolitische Erfahrung mitzubringen, als Heilsbringer in schwierigen Zeiten mit 100% der Delegiertenstimmen gewählt wurde, um dann nach weniger als einem Jahr als angeblicher Verursacher einer lang zuvor entstandenen Vertrauenskrise vom Hof gejagt zu werden, ist das Paradebeispiel dafür. Natürlich sollte die Scham auf seiten derjenigen liegen, die mit so wenig Weitsicht Vertrauen verschenkten, um es dann mit Heftigkeit wieder zu entziehen. Aber das – Scham – ist ein Gefühl, das sich einstellt kann auf der Grundlage des selbst erworbenen Wissens um richtig und falsch, das sicher bleibt, gleich wie sich der Wind dreht. Und genau die Zeit zum Erwerb dieses Wissens haben wir uns und unseren Kindern schon allzu lange nicht mehr geben wollen.

(Fortsetzung folgt)

„In a world of contingencies in which social and
intergenerational ties have weakened and with the
installation of a present-oriented temporality mobilized by the desire to consume objects that the image market holds out as a volatile promise of happiness and identity, ever changing and eternally unsatisfied, borderline disorder can be seen as an expression of the subjectivity and dynamics
characteristic of the contemporary social bonds, such as: the weakening of the identity supports, … (the paternal function, the decay of nomos instituted by the
family structure, “disenchantment with the world”)…,
the rule of image as a bargaining chip in intersubjective relations, and the growing importance of consumption in both the subjective and social economy of postmodern societies.“

(Anneliese Dörr et al: Rethinking Borderline Personality Disorder in our society from a philosophical and sociological perspective, Actas Esp Psiquiatr 2012;40(Suppl. 2):29-34, p. 33)

In welcher Welt leben wir?

April 24, 2018

Die Kinder werden groß, sie sind fast erwachsen. Und als fast erwachsene Deutsche sie sind nicht nur Adoptierte. Man greift folglich zu kurz, wenn man nur danach zu schaut, wie sie als Schwarze Deutsche hier leben. Ich bin einen Schritt zurück gegangen zu der Frage: Wo leben sie?

Dazu folgen an dieser Stelle einige Blogs …

Der erste heißt:

PARANOID

I envy paranoids; they actually feel people are paying attention to them.  (Susan Sontag)

Ja, der Gedankengang ist durchaus nachvollziehbar. Wer wird schon immer so beachtet, wie es ihm gefallen würde? Das Nicht-Gesehen-Werden darf man tatsächlich als schmerzlich empfinden; dieses Gefühl im Modus der Selbstironie aufzuwiegen gegen die Panik dessen, der sich verfolgt fühlt, ist vielleicht nicht einmal unbedingt geschmacklos.

Verfolgt fühlen sich allerdings derzeit nicht nur einzelne Personen, bzw. Patienten. Wie man zahlreichen Blogs und Videos entnehmen kann, pflegen verschiedenste Gruppierungen unterschiedliche Verschwörungstheorien, die im Kern die Botschaft enthalten: Gebt Acht, wir werden für dumm verkauft! Gruppierungen, die sich der Reichsbürgerbewegung, den Identitären, der Neuen Rechten zuordnen, treffen sich in der Behauptung, das „deutsche Volk“ werde systematisch von der herrschenden internationalen Elite manipuliert.

Den Vorwurf unzulässiger Beeinflussung der Öffentlichkeit muss an sich niemand als gänzlich abwegig abtun. Manipulationsstrategien zum Thema zu machen könnte sogar als Zeichen der Klugheit gewertet werden. Das verbietet sich aber, betrachtet man, wer und aus welchen Gründen und auf welche Weise wen angeblich gezielt desinformiert und beeinflusst. Und natürlich wie:

Zum Beispiel mit der Behauptung, wir hätten einen menschenverschuldeten Klimawandel zu verzeichnen, wo doch menschlich verursachte CO2-Emissionen nur einen Bruchteil der tierischen ausmachen. Mit der Behauptung, ein Flüchtling hätte einen Fluchtgrund (wo er doch Teil der Immigrationswaffe ist, die, gesteuert von der EU, unser Volk vernichten soll); überhaupt ist alles manipuliert, von der Tagesschau bis zu den Lebensmitteln. Die Politik – genauer die „Merkel-Mafia“- tauscht langsam, aber sicher das Volk aus. Und damit es keiner bemerkt, also den Hochverrat am deutschen Volkskörper, gibt es die Chem-Trails, mit deren Hilfe die Regierenden alle Erdlinge betäuben. Wenn das nicht ganz ausreicht, und doppelt hält ja ohnehin immer besser, nutzen sie noch die subtile Steuerung durch Literaturverfilmungen. Denn leider sind nicht nur politische Verlautbarungen, sondern auch sie, die Verfilmungen, zum Medium der Manipulation geworden. Wer sich den Herrn der Ringe anschaut, wird unterschwellig auf den Krieg gegen Russland vorbereitet, und ja, der Ring ist ein Symbol – er steht für die Europäische Kommission.

Darf man festhalten, dass hier „den  Politikern“ eine unfreundlich-aggressive bis extrem feindselige Haltung „dem Volk“ gegenüber zugeschrieben wird? Wenn ja, dann sind wir tatsachlich inmitten der Definition von Paranoia. Denn die besagt, der Paranoide nehme die Umwelt als feindselig wahr und deute das Handeln der Umgebung als aggressiv und abwertend.

„Die Gutmenschen handeln tugendhaft, um andere damit zu verletzen“, sagt einer, der in seiner Rolle als Wissenschaftler bisweilen in Fernsehstudien eingeladen wird, um über die innere und äußere Zensur zu berichten, der sich die dort beschäftigten Journalisten seiner Ansicht nach unterwerfen.

Unterstellt man dem Außenstehenden, der bestimmte Fakten nicht als Teil einer Verschwörung sehen kann, er hege mit dieser „Leugnung“ doppelt feindselige Absichten? Wird er dadurch zum Feind? Wenn ja, wäre ein zweites Kriterium erfüllt.

Oh Gott … und jetzt meldet sich doch auch meine kleine private Paranoia. Fühlt sich jetzt vielleicht jemand von mir angegriffen?

Ich glaube, ich beende das hier mal. Im Fernsehen kommt eine neue Folge Akte X, die schaue ich mir erst mal zur Entspannung an. Obwohl – das ist mir dann vielleicht doch zu langweilig, das bisschen Regierungsverschwörung mit Alien-Technologie …

Vielleicht überlege ich mir stattdessen lieber nochmal, welche Gründe jemand haben könnte, Paranoide zu beneiden. Und ob mir die Ironie hinter dieser Äußerung nicht ganz und gar aus der Zeit gefallen zu sein scheint.

 

 

Nicht Euer Nickn*er

September 21, 2017

Viele werden sich noch an Figuren erinnern, die vor Jahrzehnten vorzugsweise an Kircheneingängen platziert waren – schwarze oder dunkelhäutige Puppen aus Holz, mit schönem Turban, auf einer Kiste sitzend. Die Lippen umschlossen einen Schlitz; steckte man eine Münze hinein, beugte sich der Kopf, zum Dank, wie zum Nicken; die Münze fiel in die Kiste. Irgendwann, wenn genug gesammelt war, ging das Geld dann zu den „armen N*rn“ in Afrika, als milde Gabe. Diese Figuren heißen „Nickn*er“.

Mir kommen sie in der letzten Zeit immer wieder in den Sinn, und in unserer Familie findet ihre Bezeichnung allmählich einen festen Platz – in schmerzlichen Zusammenhängen, versteht sich.

Ein Rückblick: Als meine Söhne zu uns kamen, waren sie noch klein und in der Wahrnehmung der meisten Menschen aus ihrer Umgebung einfach niedlich. Bis auf einige Ausnahmen wurden sie überall herzlich und freundlich aufgenommen, und auch das weitere Umfeld zeigte sich zumeist wohlwollend; gerade auch von vielen älteren Mitbürgern erhielten sie oft ungefragt Lob für ihre guten Umgangsformen. Man musste sie einfach mögen. Nicht nur ihr einfach grundlegend freundliches Wesen, sondern auch ein Stück weit die Lebenserfahrung „Waisenhaus“ haben wohl dazu beigetragen. Sie hatten verinnerlicht, wie man sich liebenswert zeigt.

Und heute: Mein ältester Sohn ist mittlerweile fast sechzehn und seit vielen Jahren hier; er lebt länger in Deutschland, als er in Afrika zuhause war. Er hat nicht nur seine gesamte Schulzeit hier verbracht, sondern viel Lebenszeit in unserer Familie, die ihm, genau wie seinen Geschwistern, vorwiegend eins versucht hat zu vermitteln: Wir begegnen einander mit Wertschätzung. Wenn ein Problem gibt, dann wird es besprochen. Du bist jemand; du hast ein Recht auf deine Meinung und ein Recht darauf, sie zum Ausdruck zu bringen.

Wenn die Kinder älter werden, ändert sich bekanntlich vieles, und bei uns auch: Wenn ich früher noch mit freundlicher Nachsicht gewissen älteren Leuten begegnen konnte, die sich lobend über meine gute Erziehung äußerten – immerhin war das ja lieb gemeint, auch wenn es vielleicht beim zehnten Mal dann doch ein wenig übertrieben erschien – kann ich heute kaum noch an mich halten, wenn man mir sagt, es sei toll, dass meine Kinder so gut Deutsch sprechen. Was denn bitte sonst, Suaheli vielleicht? Sie zu loben, dass sie als Deutsche die Landessprache beherrschen, ist so absurd wie zahlreiche andere „andernde“ Bemerkungen, mit denen wir uns im Alltag beschäftigen.

(Wegen der an uns gerichteten Frage: „Spricht er Deutsch?“ in einer Notaufnahme, in der wir unseren Sohn – als unseren Sohn,  dazu mit gleichem Nachnamen auf allen Papieren – vorgestellt haben, waren sowohl der Junge als auch wir Eltern wochenlang einigermaßen verstört.)

Zu solchen Dingen wird man irgendwann   „Schwamm drüber“ sagen und sie abhaken; man möchte ja den Blick nicht fest nur darauf gerichtet halten, was einen ärgert.

Schwierig wird es, wenn es ans Eingemachte geht  – an die Reaktionen, die ein selbstbewusster und daneben altersgerecht gerade pubertierender Junge erfährt, wenn er sich verhält, wie es für sein Alter typisch ist: Bei frustrierenden und als ungerecht empfundenden Handlungen Erwachsener in verantwortlicher Rolle wird aller Lebenserfahrung nach ein psychisch stabiler sechzehnjähriger Junge „bocken“, wenn er mit Worten nicht weiterkommt; und das sieht man ihm in der Regel nach. Deswegen braucht es die Pubertät; Positionen, Reaktionen und Verhaltensweisen des bevorstehenden Erwachsenenleben sollen gelernt und erprobt werden, und dass einer dabei gelegentlich über das Ziel hinausschießt, kann man in jedem Ratgeber nachlesen, wenn man es nicht schon selbst in seinem Umfeld erlebt hat. Ebenso, dass es sich dabei um einen notwendigen Entwicklungsschritt und kein Charakterdefizit handelt. Geraten wird zur Gelassenheit, und diesen gelassen Umgang pflegen die meisten Erwachsenen dann auch. Vielleicht sucht man das Gespräch, wenn man wohlwollend ist, und fragt, was denn los ist. Vielleicht, wenn man emphatisch genug ist, versetzt man sich probehalber in die Rolle des Heranwachsenden, überlegt, wie man selbst in diesem Alter reagiert hätte und sucht dann ein Gespräch. Möglicherweise erinnert man sich sogar an Situationen, in denen man selbst als Erwachsener mit Frustrationen nicht immer ganz souverän umgegangen ist.

Was sicher selten einem Jungen im Flegelalter im Konfliktfall von maßgeblichen Erwachsenen gesagt wird ist: „Du bist ja überhaupt nicht mehr der alte …. „; „Du kommst in letzter Zeit voll arrogant rüber“- und genau das passiert leider meinem Sohn im Umgang mit wichtigen Menschen, die für seine Erziehung außerhalb der Familie mit verantwortlich sind. Und damit er auch wirklich merkt, dass er sich daneben benommen hat, wird nicht nur mit derartigen Äußerungen sein Charakter in Frage gestellt, sondern er wird dazu auf andere Weise schmerzhaft abgestraft.

Dabei zuzusehen – denn nachhaltig Einfluss auf die Menschen in der Umgebung von Heranwachsenden ausüben zu wollen ist kaum eine erfolgsversprechende Option – wäre für keine Mutter leichtes Brot. Hier kommt noch etwas dazu: Ich meine nicht, dass so mit einem durchschnittlichen weißen, hier geborenen Jungen so umgegangen werden würde.

Von welchem Menschen erwartet man übrigens überhaupt ein unverändert herzliches, erfreutes und freundliches Auftreten, wenn man ihm gerade vor den Kopf gestoßen hat? Wer oder was sagt freundlich nickend danke, egal was man ihm verfüttert? – Richtig. Da war doch was.

 

 

Ein Brechtgedicht ist mir eingefallen…

November 11, 2016

An die Nachgeborenen

I

Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten!
Das arglose Wort ist töricht. Eine glatte Stirn
Deutet auf Unempfindlichkeit hin. Der Lachende
Hat die furchtbare Nachricht
Nur noch nicht empfangen.

Was sind das für Zeiten, wo
Ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist.
Weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt!
Der dort ruhig über die Straße geht
Ist wohl nicht mehr erreichbar für seine Freunde
Die in Not sind?

Es ist wahr: ich verdiene noch meinen Unterhalt
Aber glaubt mir: das ist nur ein Zufall. Nichts
Von dem, was ich tue, berechtigt mich dazu, mich sattzuessen.
Zufällig bin ich verschont. (Wenn mein Glück aussetzt, bin ich verloren.)

Man sagt mir: iß und trink du! Sei froh, daß du hast!
Aber wie kann ich essen und trinken, wenn
Ich dem Hungernden entreiße, was ich esse, und
Mein Glas Wasser einem Verdurstenden fehlt?
Und doch esse und trinke ich.

Ich wäre gerne auch weise.
In den alten Büchern steht, was weise ist:
Sich aus dem Streit der Welt halten und die kurze Zeit
Ohne Furcht verbringen
Auch ohne Gewalt auskommen
Böses mit Gutem vergelten
Seine Wünsche nicht erfüllen, sondern vergessen
Gilt für weise.
Alles das kann ich nicht:
Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten!

Das Gesicht seiner Mutter

Juni 26, 2016

Mein Sohn musste letzthin ein Krisengespräch mit einer erwachsenen Bezugsperson führen, das man keinem wünscht- einem Erwachsenen nicht, aber noch viel weniger einem Jungen von 14, der gerade dabei ist sich als Person zu finden.

Das Setting: Überhohe Ansprüche und wenig Emphatie aufseiten des Erwachsenen, Resignation und Bockigkeiten aufseiten des Jugendlichen.

Zum Glück konnte ich anwesend sein. Und ich konnte beobachten, wie mein sonst sehr zurückhaltender Junge sich ganz langsam aufrichtete und begann sich zu wappnen. Mit sehr leiser Stimme sprach er dann und sagte alles, was von seiner Seite aus zu sagen war, in einer Klarheit, die keine Fragen offen ließ. Einer erwachsenen Person gegenüber, die man respektiert und auf die man angewiesen ist, die Meinung offen zu vertreten und klar zu benennen, was einen stört – ohne dabei in Polemik zu verfallen – das fand ich für einen Jungen diesen Alters sehr bewundernswert.

Was mich aber bis jetzt beschäftigt, ist, was ich zu sehen bekam: Mein Sohn war in diesem Moment der Wahrheit das Ebenbild seiner ersten Mutter.

Übertrieben ähnlich sehen sich die beiden sonst nicht. Aber diesen Moment besschreibt genau der Ausdruck „ihr wie aus dem Gesicht geschnitten.“

Gott sei Dank kenne ich sie, habe ihre Mimik vor Augen und durfte das wahrnehmen.

Ich glaube, weil er in diesem wichtigen Augenblick ganz er selbst und bei sich selbst war, glich er auf solche Weise seiner Mutter, die ihn geboren hat.

Was hätten er und ich verpasst, wenn wir sie heute nicht mehr kennen würden.

Von Mäusen, Wildschweinen und Familiensorgen

Juni 11, 2016

Heute beim Blick in die Zeitung zum Frühstück:

Wir durften unter der Rubrik „Aus aller Welt“ zwei Meldungen lesen, genau nebeneinander platziert, deren Wichtigkeit offenbar außer Frage steht, sonst wären sie nicht auf der Deckseite gelandet.

In Landsberg am Lech konnte eine Feldmaus vor dem Ertrinken gerettet werden, nachdem jemand mit der Mitteilung, eine treibe im Lech, vierzig Einsatzkräfte mobilisiert hatte. Den Anrufer erwartet eine Anzeige, aber – immerhin- die Maus lebt.

Weniger Glück hatte einer von zwei Frischlingen, der in Koblenz in einen Pool gefallen war. Er ertrank, während noch fraglich ist, was mit seinem Geschwister geschieht, da die zuvor noch im Gebüsch vermutete Muttersau noch nicht wieder aufgetaucht ist, um ihn mitzunehmen.

Es braucht all meine Fähigkeit zur Selbstsuggestion mir einzureden, dass ich viel zu friedliebend und tolerant bin um mich zu fragen, ob die Redaktion möglicherweise an einem schwerwiegenden Realitätsverlust leiden könnte.

Natürlich, Wirklichkeiten unterscheiden sich, sage ich mir – was bilde ich mir ein, meine Alltagserfahrungen zum Maßstab dessen zu machen, was meldenswert sein soll.

Und gewiss, es gibt zahlreiche Menschen, denen das Wohlergehen von Tieren sehr am Herzen liegt. (So lange ich nicht mangelnder Tierliebe geziehen werde, wenn ich erkläre, dass ich mich sicher nicht gegen das Tierelend engagieren werde, ist das völlig in Ordnung für mich.)

Vielleicht ist für den ein oder anderen die Meldung über ertrunkene und gerettete Tiere tatsächlich lesenswert.

Ich dagegen muss mich sehr anstrengen, sie nicht als Schlag ins Gesicht zu empfinden.

Und ich glaube, das können  diejenigen nachvollziehen, die ihr Leben mit Menschen teilen, die den Verlust eines Freundes zu beklagen haben -eines Familienmitglieds gar. Den Tod durch Ertrinken nämlich, im Mittelmeer, auf dem Weg in ein besseres Leben.

Eine Woche lang wurde hier getrauert um eine fünfzehnjährige Schülerin, die glaubte, ihr Leben beginne nun bald ganz neu -und deren Familie nichts bleibt als das facebook-account mit dem strahlenden, erwartungsfrohen Mädchen auf dem Profilfoto und dem Foto des angespülten Leichnams, untertitelt mit den Buchstaben R.I.P.

Es ist nicht nur ein Kopfschütteln, diesmal, das vom Blick in die Zeitung übrigbleibt. In diesen Zeiten darf es auch einmal Zorn sein und Empörung.

 

 

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